Lauter glückliche Inselbewohner.

Review | Kritik | Bewertung Ikariam (2012)
Bewertung: 5 von 6 Hersteller: Gameforge www.ikariam.com
Online-Spiele schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Vieles ist nur eine Kopie von bereits Vorhandenem. Manches langweilig oder unausgereift. Glücklicherweise sind die meisten Free-to-Play, so dass man mal reinschnuppern kann, bevor man den Geldbeutel zückt. Nichtsdestotrotz fällt es schwer, den Überblick zu behalten und die wirklich guten und wichtigen Games zu finden. Eines der erfolgreichsten Spiele im Segment des Strategie-Browsergames ist ohne Zweifel das Spiel Ikariam der deutschen Firma Gameforge. Ausgezeichnet mit mehreren Preisen ist es immer noch State of the Art, wie man so schön sagt. Es gibt kaum Konkurrenten, die bei Anspruch, Unterhaltung und strategischer Vielfalt mithalten können. Zudem gab es kürzlich ein umfangreiches Grafik-Update, was dem Klassiker neuen Glanz verleiht.
Will man ein Strategie-Browsergame wie Ikariam bewerten, stößt man schnell an Grenzen, weil sehr viel von den anderen Mitspielern abhängt. Hat man Pech, dann landet man in einem Teil der Serverwelt, wo Personen siedeln, die kein soziales Gefühl haben. Die machen einem das Leben zur Hölle. Hat man Glück, landet man bei Spielern, die einem mit Rat und Rohstoffen zur Seite stehen. Im Gegensatz zu MMORPGs oder MMO-Third-Person-Shootern kann man sich die Spieler, mit denen man durch die Prärie zieht, nicht aussuchen. Sie wechseln auch nicht nach einem Gefecht. Sie bleiben die nächste Zeit Nachbarn. Für diesen Spielspaß entscheidenden Umstand kann man aber die Entwickler nur schwer loben oder tadeln. Was man allerdings bewerten kann, sind Spielelemente wie die Anzahl der Optionen, die einem Spieler an die Hand gegeben werden, um seinen eigenen Stil zu verfolgen. Wie gut ist der Welpenschutz oder die Integration von Mehrspieler-Institutionen, wie Allianzen? Wie entwickelt sich das Spiel durch neue Updates, die neue Gebäude und Militäreinheiten bringen? Bei einem Free-to-Play-Game stellt sich außerdem die Frage, wie groß der Abstand zwischen Spielern mit Geldeinsatz und solchen ohne ist. All diese Punkte kann man bewerten, auch wenn sie letztlich durch den Charaktere der Mitspieler über den Haufen geworfen werden können. Nach diesen theoretischen Ausführungen geht es jetzt ans Eingemachte. Wie gut deckt Ikariam diese Punkte denn ab?
Ikariam teilt sich in drei Ebenen: Da wäre zuerst die Stadtansicht. Vor allem zu Beginn verbringt man seine meiste Zeit mit dieser Ansicht. Hier baut und verwaltet der Spieler seine Gebäude. Anfangs ist nur das Rathaus und viel Grünzeug zu sehen. Der erste Schritt ist klar: Bauen! Also klickt man auf einen der 12, mit einer roten Fahne geschmückten Bauplätze. Das aufpoppende Fenster ist noch leer, die Auswahl also recht beschränkt, aber jeder fängt mal klein an. Im Laufe der Zeit werden immer mehr Gebäude erforscht, bereits vorhandene werden ausgebaut und so wird aus dem Dörfchen schnell eine Stadt. Neben den regulären Bauplätzen, gibt es einen, der erst nach Erforschung frei geschaltet wird, zwei, die für Hafenanlagen reserviert sind und einer für die Stadtmauer. Bereits hier werden die ersten wichtigen Weichen für das weitere Spiel gestellt. Man kann nicht alle Gebäude bauen, sondern muss sich entscheiden. Ikariam bietet eine reichhaltige Auswahl an Gebäuden, einige reduzieren Baukosten, andere steigern die Zufriedenheit der Bevölkerung, damit sie weiter wächst, wieder andere stellen Kampftruppen und Spione her oder erhöhen die Produktion beim Rohstoffabbau. Da man mehrere Kolonien gründen kann, hat man die Möglichkeit, Städte zu spezialisieren. Erfolgreich sind Spieler, die ihre Städte am besten aufeinander abstimmen und so eine intelligente Infrastruktur aufbauen.
Tatsächlich muss man sich schnell Gedanken über die Infrastruktur machen, denn die Entwickler haben die unterschiedlichen Rohstoffe geschickt verteilt. Anders als bei Konkurrenten wie Travian baut man nicht in jeder Stadt dasselbe ab, nur eben unterschiedlich effizient. Stattdessen besteht die Spielwelt von Ikariam aus Inseln, die sich erheblich voneinander unterscheiden. Jede Insel hat 16 Plätze für neue Städte und zwei Rohstoffquellen. Es gibt aber 5 verschiedene Rohstoffe. Jetzt wird die zweite Spielebene wichtig: Die Inselansicht. Dort sieht man schnell, dass jede Insel ein Sägewerk für Holz und eine Quelle für ein zusätzliches Luxusgut hat: Marmor, der neben Holz beim Ausbau der Gebäude gebraucht wird, Wein, welcher in der Taverne ausgeschenkt wird, um die Zufriedenheit der Bürger zu steigern, Kristall, wesentlich für den Bau von Akademien und dem Ausführen von Experimenten, was die Forschung voranbringt und schließlich Schwefel, welcher für den Bau von Kampfeinheiten und Kampfschiffen unverzichtbar ist. Die Rohstoffquellen werden von allen Spielern der Insel gleich benutzt und müssen ausgebaut werden, damit man mehr seiner Bürger dort arbeiten lassen kann und so auch mehr Rohstoffe bekommt. Dieser Ausbau ist aber keine Einzelaktion, sondern jeder Spieler der Insel sollte Holz in die Rohstoffquellen spenden, immerhin profitiert ja auch jeder von einem Ausbau. So wird bereits bei Grundlegendem die Solidarität mit seinen Inselnachbarn gefördert. Letztlich kann man auf keinen der Luxusrohstoffe verzichten, weshalb man sich immer gut überlegen sollte, wo die nächste Kolonie gegründet wird. Wichtig dabei ist auch die Entfernung. Immerhin müssen die Rohstoffe per Schiff verschickt werden Dafür braucht der Spieler neben Handelsschiffen auch Zeit. Und er muss sich mit der dritten Ebene vertraut machen: Der Weltansicht. Hier sind alle Inseln der Umgebung zu sehen. Man kann eine Inseln anklicken und kommt in die entsprechende Inselansicht. Von dort aus nimmt man dann Kontakt mit anderen Spielern auf und tauscht Rohstoffe. Beides wird im Laufe des Spiels extrem wichtig. Wer Kontakt mit anderen Spielern hat, kann sich Vorteile, wie Kulturgüterabkommen sichern. Wer tauscht, kann vor allem anfangs Engpässe vermeiden.
Aber letztlich geht es dann doch nicht um das Miteinander, sondern um das Gegeneinander. Man baut all die Gebäude, erweitert all die Sägewerke, gründet all die Städte und wird Teil einer Allianz, um für den Krieg gerüstet zu sein. Die Kämpfe bei Ikariam laufen rundenbasiert ab. Treffen See- oder Landeinheiten auf die gewünschte Stadt, findet Runde eins statt. Alle 15 Minuten findet eine weitere Runde statt, solange bis einer der beiden Kontrahenten seine Truppen zurückzieht, die Kampfmoral auf Null gesunken ist oder einer keine Einheiten mehr hat. Nach jeder Runde bekommen die kämpfenden Spieler einen Kampfbericht. Hier wird aufgelistet, wie viel von welchen Einheiten gefallen bzw. noch übrig sind und es gibt eine Detailansicht, mit welcher man die Verluste pro Runde genau verfolgen kann. Hier zeigt sich wiederum der anspruchsvolle Charakter des Spiels: Früher wurde, wie bei vielen anderen Strategie-Browsergames einfach die Summe der Offensivpunkte mit der Summe der Defensivpunkte verglichen und das Ergebnis einfach berechnet. Nach einem Update gibt es jetzt verschiedene Kampfreihen wie Nahkampflinie, Flanke oder Luftabwehr. Jede Linie wird mit speziellen Einheiten besetzt, oft hat man dabei sogar die Auswahl, weil es verschiedene Einheiten gibt. So kann der Spieler Armeen aufstellen, die den meisten Erfolg versprechen. Lässt man eine Linie weg, hat das negative Folgen auf den Kampf, man macht mehr Verluste und fügt weniger Schaden zu.
Das Kampfsystem ist an dieser Stelle nur sehr oberflächlich angerissen. Jeder muss sich damit selbst auseinandersetzen, entscheiden, was er sich leisten kann und „Learning by Doing“ praktizieren. Angereichert wird das Ganze noch durch den Einsatz von Wundern und natürlich dem Eingreifen weiterer Spieler, wenn die Spieler Hilfe von ihren Allianzen erhalten. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Schlacht über 200 Runden geht, also nicht nur Stunden dauert, sondern Tage. Auf den ersten Blick klingt das nicht sonderlich aufregend, zieht man aber erstmal in die Schlacht, wird das Warten der 15 Minuten auf den nächsten Kampfbericht zu einer Zerreißprobe und einfach ins Bett gehen, um eine Schlacht über Nacht laufen zu lassen, wird zu einem Akt größter Selbstdisziplin. Wie erwähnt, war das Kampfsystem nicht immer so anspruchsvoll. Es wurde erst im Laufe der Zeit integriert. Solche Weiterentwicklungen fügen die Entwickler von Gameforge regelmäßig ein. Nicht immer sind sie so umfangreich. Aber ungefähr zweimal im Jahr gibt es was wirklich Neues. Ende des letzten Jahres wurden neue Schiffstypen eingeführt, welche jetzt auch den Seekampf spannender gestalten.
Vor ein paar Monaten gab es dann das bereits erwähnte Grafik-Update, wodurch Ikariam jetzt eine lebhaftere und optisch ansprechendere Atmosphäre verbreitet. So wurde im Laufe der Zeit auch der Welpenschutz drastisch ausgebaut, damit Anfänger nicht gleich überrannt werden. Dazu gehört nicht nur die „Schützende Hand der Götter“, welche den Spieler die ersten Tage vor Attacken schützt, sondern auch das Anpassen des Diebstahlschutzes, wodurch ein Anfänger seine Rohstoffe besser vor Plünderungen schützen kann. All diese Neuerungen stoßen aber nicht nur auf Gegenliebe. Vor allem alte Veteranen machen ihrem Unmut über die ein oder andere Veränderung Luft. Manchmal spiegelt sich da einfach der Unwillen einiger Spieler wieder, die keine Lust haben sich umzustellen. Manchmal sind es aber auch berechtigte Kritiken. Ein immer wiederkehrender Kritikpunkt sind dabei Neuerungen, die Ambrosia beinhalten. Ambrosia ist Ikariams' Pseudonym für harte Euros. Man kauft Ambrosia und setzt es dann ein, um verschieden Vorteile zu erhalten. Einige dieser Vorteile sind nützlich, wie eine Steigerung des Rohstoffabbaus oder das Umtauschen von überflüssigen Gütern in solche, die man gerade braucht. Andere, wie das Einbürgern von Barbaren, damit sich die Bevölkerung sofort erhöht, scheint doch recht überflüssig zu sein. Bei vielen Spielern besteht da die Sorge, dass Leute, die viel Geld investieren, einen uneinholbaren Vorteil haben. Diese Sorge ist aber oft übertrieben. Auch ohne Einsatz von Ambrosia kann man in der Highscore-Liste schnell aufsteigen, sein Reich vergrößern und Gegner in die Knie zwingen.
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Sven Sauerhammer ist der Meinung… Es gibt gute Gründe, warum ich seit drei Jahren Ikariam auf drei verschiedenen Servern spiele. Diese Review erwähnt da nur das Grundlegende. Es gibt noch viel mehr Feinheiten und Optionen zu entdecken. Kaum ein Online-Spiel fordert so viel Hirnschmalz von seinen Spielern, wie dieses. Und noch weniger Spiele belohnen einen dafür auch so fair. Sicher kann sich ein Spieler unter Aufwendung von Geld einen Vorteil erkaufen. Ein Ausgleich für clevere Organisation ist das aber nicht. Die Komplexität von Ikariam ist dafür einfach zu hoch, die Möglichkeiten viel zu zahlreich. Sei es beim Bauen, Handeln oder Kriegführen. Man könnte Bücher und Foren füllen mit den möglichen Strategien, die sich aus dem Spielkonzept ergeben. Wer erfolgreich sein will, muss alles um Auge haben. Dabei hilft die übersichtliche Menüführung, Ratschläge im Forum oder von Mitspielern. Aber letztlich ist es der eigene Verstand, der den Unterschied macht. Dass Gameforge regelmässig Neuerungen einführt, erhöht den dauerhaften Spielspaß zusätzlich, auch wenn es immer etwas Widerstand von der Spielergemeinde gibt. Aber genau diese Komplexität ist auch einer von Ikariams' Nachteilen. Wer nach einem 9 Stunden Arbeitstag keine Lust mehr hat, sich um sein Reich zu kümmern, sondern lieber irgendwas Wegbomben will, wird mit dem Spiel nicht glücklich. Wer aber ein Browser-Strategie-Spiel auf höchstem Niveau sucht, ist bei Ikariam absolut richtig.
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