Totgesagte leben bekanntlich länger.

Review | Kritik | Bewertung Aion (2012)
Bewertung: 5 von 6 Hersteller: Gameforge www.aionfreetoplay.com
Bis heute gab es viele Versuche World of Warcraft von dem MMORPG-Thron zu stürzen. Age of Conan, Warhammer Online: Age of Reckoning und zuletzt Star Wars: The Old Republic. Alle diese Spiele haben ihre Eigenheiten und ihre Fans. Aber keines schaffte es. Einer der großen Hoffnungsträger war Aion. Es galt als erwachsener und anspruchsvoller, verschwand aber trotzdem, wie viele andere vor ihm, im Schatten von WOW. Vor Kurzem feierte Aion eine Art Comeback in Europa, als die deutsche Firma Gameforge sich des Spiels annahm. Jetzt ist es als Free-to-Play MMORPG zu haben und wird dank vieler Neueinsteiger wieder zum Leben erweckt.
Beginnen wir mit der recht umfangreichen Hintergrundgeschichte. Vor langer Zeit erschuf Aion auf der Welt Areia Menschen, Tier und Balaur. Letztere sollten die ersten beiden beschützen, begannen aber zu rebellieren. Daraufhin erschuf Aion die Daevas, Engels gleiche Wesen, um den Balaur die Stirn zu bieten. Nach einem Krieg, der eine halbe Ewigkeit dauerte, lag der Turm der Ewigkeit, Aions Haus und die Lichtquelle Atreias, in Trümmern und Atreia selbst zerbrach in einen oberen und einen unteren Teil. Im unteren Teil, der hell und fruchtbar ist, weil er von dem geborstenen Turm der Ewigkeit Licht erhält, Elysea. Im oberen Teil, welcher Dunkel und trist ist, weil er kein Licht bekommt, leben die sogenannten Asmodea. Obwohl beide dieselben Wurzeln haben, lebten sie sich doch auseinander und haben angefangen, Krieg gegeneinander und gegen die Balaur zu führen. Das war die Kurzfassung der Hintergrundgeschichte. Statt der üblichen Orks vs. Menschen, Dunkle Macht gegen Licht oder Gut gegen Böse, ist diese Geschichte viel ausgefeilter.
Leider bekommt der Spieler das nicht so ohne Weiteres mit. Denn die traurige Wirklichkeit ist, dass sich Spieler nicht damit aufhalten, irgendwelche Geschichten zu lesen, wenn sie nicht für den Spielverlauf unmittelbar notwendig sind. Und selbst dieser Teil wird gerne übersprungen. Was die meisten noch mitbekommen, ist die Handlung der eigenen Figur. Die ist ein Daeva, welcher einen Trupp in die Schlacht geführt hat, dabei vom „Himmel“ gefallen ist, sein Erinnerungsvermögen verloren hat und jetzt versucht herauszufinden, was passiert ist. Das ist einfallsreicher als bei anderen Spielen, wo der eigene Held überhaupt keine Geschichte hat, aber wirklich motivierend ist es nicht. Nun zum eigentlichen Spielablauf: Man beginnt mit dem typischen Erstellen des Charakters. Man wählt eine der beiden Daeva-Fraktionen, also die Licht verwöhnten Elyos oder die Licht abstinenten Amodier. Echte Unterschiede bei der Charakterentwicklung gibt es da nicht, lediglich die Spielwelten sehen anders aus, aber dazu gleich mehr. Danach wählt man noch Aussehen und Klasse. Es gibt vier Klassen mit jeweils zwei Weiterentwicklungen. Es handelt sich um die üblichen Krieger-, Priester-, Magier- und Späherklassen. Hier bietet Aion nichts Neues.
Etwas anders sieht es mit der grafischen Gestaltung aus. Der neu erstellte Held wird gleich in eine lebendige Welt hineingestellt. Während bei anderen MMORPG wie Star Wars: The old Republic oft einfallsloses Design und ausgestorbene Landstriche dominieren, scheint das Leben bei Aion förmlich aus dem Bildschirm zu springen. Überall findet sich irgend ein Tierchen, Wälder sehen dank der vielen Bäume, auch aus wie Wälder und in den Seen tummeln sich Fische. Im Hintergrund schweben riesige, Rochen ähnliche Wesen majestätisch durch die Lüfte. Die einzelnen Spielkarten unterscheiden sich nicht nur untereinander, sondern bieten auch im Inneren viel Abwechslung. Es gibt Strände, Gebirge, üppige Wälder, verseuchte Sumpfgebiete und allerlei bevölkerte Dörfer und Vorposten. Das alles auf nur einer Karte. Darüber hinaus schaut es auch noch erstaunlich schick aus, wenn man bedenkt, dass das Spiel jetzt doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Elysea und Asmodea unterscheiden sich dabei grundlegend in ihrem Grafikstil: Elysea ist hell, mit viel grüner Natur, fast ein wenig kitschig-märchenhaft. Asmodea dagegen ist dunkler und extremer, mit Ruinen-, Wüsten- und Schneelandschaften.
Mittelpunkt der beiden verfeindeten Länder sind die Hauptstädte Sanctum und Pandemonium. Welche wohin gehört dürfte klar sein. Hier findet man alle möglichen Händler, kann eigene Ausrüstung herstellen oder einfach die epischen Bauwerke bewundern. Bei soviel hochwertiger Abwechslung macht das herum streunen wirklich Spaß. Um das Herumlaufen auch noch sinnvoll zu gestalten, bietet Aion jede Menge Aufträge für die einzelnen Karten. So kommt man in Atreia auch ordentlich rum und sieht alles. Bei diesen Aufträgen handelt es sich meistens um das übliche „Töte davon soviel“-, „Hol mir das da“- oder „Rede mit dem da“- Allerlei. Es gibt für jede Welt auch noch eine Kampagnen, aber auch deren Aufträge heben sich selten davon ab. Außerdem verliert man wegen der Fülle der Aufträge schnell mal den Überblick. Gekämpft wird mit einer Aktionsleiste, auf die man verschieden Angriffe und Skills zieht, um sie dann durch direkte Klicken auf die Leiste oder durch Drücken einer Zahlentaste zu aktivieren. Einzige Neuerung ist die Möglichkeit von Kombos. Nach dem Ausführen eines Angriffes kann ein spezieller Folgeangriff geführt werden. Eine Revolution ist das aber nicht.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal an Aion sind die Flügel. Neben der belebten Welt sind sie der Spielspaßgarant. Ab Level 10 kann man seine Schwingen ausbreiten und will sie danach nicht mehr missen. Zwar kann man nicht überall fliegen, sondern nur in speziellen Abschnitten, aber man kann immer schweben. Überall sieht man Spieler, die sich auf einen Hügel stellen und über den Weg segeln, statt auf ihm zu laufen. Warum sollte man von einem Gebirge in die Stadt gehen, wenn man nur ein paar Meter laufen muss, um von einem Vorsprung zu springen, seine Flügel ausbreitet und über die halbe Karte schwebt? Dabei sollte aber beachtet werden, dass man nur für eine gewisse Zeit in der Luft bleibt. Danach fällt der Held (schon wieder) vom Himmel, diesmal allerdings ohne Verlust seines Gedächtnisses. Glücklicherweise kann man die Flügel upgraden und die Flugzeit mit Tränken verbessern. Womit wir schon beim offiziellen PvP-Bereich von Aion sind: Der Abyss. Zuerst einmal ist er eine einzige Flugzone, was schon Grund genug wäre, um sich dort stundenlang aufzuhalten. Der Abyss besteht aus vielen kleineren Inseln, die um den Kern kreisen.
Die Inseln bilden zwei Ebenen, den Oberen Abyss und den Unteren Abyss, beide ausgestattet mit mehreren Festungen und Artefakten, welche die Fraktionen erobern müssen. Die dritte Ebene ist der Abyss-Kern selbst, wo die Götterfestung zu finden ist. In diesem Bereich überlebt natürlich nur die Elite. Zum zweiten ist der Abyss genaugenommen eine Mischung von PvP- und PvE-Bereich, was sich dann „Player-versus-Player-versus-Environment“ oder PvPvE nennt. Das klingt erstmal etwas seltsam, ist aber ganz einfach zu verstehen. Neben Elyos und Asmodier, die sich im PvP-System gegenüber stehen, treiben auch die Balaur ihr Unwesen im Abyss. Da diese Rasse vom Spiel kontrolliert wird, ist der Abyss eben auch PvE-Gebiet. Die Balaur sind Gegner beider Rassen, greifen daher auch jeden an und mischen bei den Schlachten, um die Festungen mit. Das wird genutzt, um die Stärkere der Spieler-Fraktionen etwas in die Schranken zu weisen, indem die Balaur bevorzugt deren Festungen angreifen. Funktioniert auch ganz gut und sorgt immer wieder für unvorhergesehene Situationen, was das Spielvergnügen im Abyss wesentlich erhöht.
Zum Schluss noch ein paar Worte zum Free-to-Play. Prinzipiell kann man Aion kostenlos spielen und das kann man auch ganz gut. Allerdings werden bei solchen „Startern“ einige Chat-Funktionen eingeschränkt, genau wie der Handel mit anderen Spielern. Um das zu lösen, muss man das kostenpflichtige Goldpaket erwerben. Das hält 30 Tage und bringt neben dem vollen Spielumfang auch Extra-Boni wie ein Plus an Erfahrung. Die Einschränkungen, aber auch den Boni-Vorteil merkt man vor allem, wenn man im Abyss mitkämpfen will, wofür zum einen ungehinderte Interaktion mit den Mitstreitern wesentlich ist, als auch bestmögliche Ausrüstung, die man am schnellsten durch Handeln mit Spielern bekommt. Bis dahin sind die Beschränkungen verkraftbar. Daneben findet sich im Shop auch eine Menge zum Individualisieren der eigenen Helden, Items, die das Leveln und Sammeln vereinfachen und nützliche Haustiere.
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Sven Sauerhammer ist der Meinung... Um ehrlich zu sein, hatte ich Aion schon als eine der vielen MMORPG-Leichen, die WOW hinterlässt, abgeschrieben. Aber die Übernahme durch Gameforge brachte Aion wieder verstärkt ins Gespräch. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass Gameforge seinem neustem Fang auch in Zukunft noch ein paar spielerische Elemente hinzufügt, damit es keine allzu kurze Reanimation ist. Verdient hätte Aion diesen Aufwand auf jeden Fall. Es gibt kaum ein MMORPG, das lebendiger und abwechslungsreicher ist. Die Grafik ist nicht mehr ganz aktuell, aber das Design, vor allem das der Hauptstädte, lässt einen immer wieder staunen. Die Abyss-Schlachten machen dank der dritten Rasse viel Spaß. Und das Fliegen macht geradezu süchtig. Nach meinem ersten Luftkampf im Abyss wollte ich nichts mehr anderes machen, als meine Gegner vom Himmel zu holen. Dabei vergisst man schnell den Ärger über eine zu volle Questliste oder die eintönige Charakterentwicklung. Und wer Aion bis zum Abyss spielt, der ist mit Sicherheit auch gewillt, ein paar Euro für das Goldpaket aufzuwenden. Im Bereich der Online-Games kann man sein Geld selten sinnvoller ausgeben.
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