Bunte Pop-Kollagen aus Neuseeland.

Review | Kritik | Bewertung Kimbra - Vows (2012)
Bewertung: 5,5 von 6 Label: Warner www.kimbramusic.com
“Now and then I think of all the times you screwed me over / but had me believing it was always something that I'd done / and I don't wanna live that way / reading into every word you say / you said that you could let it go / and I wouldn't catch you hung up on somebody that you used to know.“ Diese sechs Zeilen Songtext kennt in Deutschland wohl mittlerweile fast jeder, der im Laufe des letzten halben Jahres mal das Radio eingeschaltet hat. Sie entstammen dem Song Somebody That I Used To Know von Gotye und mir fällt kein Titel ein, der momentan im deutschen Radio wohl derart oft gespielt wird. Kaum jemand kennt aber wohl die Sängerin, die in dem Song des lockigen Barden aus Australien den weiblichen Part übernimmt: Kimbra.
Zwar wird die Dame namentlich als Co-Interpretin genannt, aber wer die hübsche Schwarzhaarige ist, die im Video zu Somebody That I Used To Know maßgeblich in der Rückenansicht auftritt, dürfte bisher nur wenigen Leuten hierzulande bekannt sein. Dies gilt es nun dringend zu ändern, denn im Juli 2012 erscheint ihr Album mit dem Titel Vows auch in Deutschland und die Songs auf dem Longplayer zeigen, dass die Neuseeländerin mehr kann, als nur Gotye die Kontra-Passage an den Kopf zu werfen, mit der dieser Artikel beginnt. Tatsächlich tue ich mich recht schwer, die Musik von Kimbra wirklich in eine bestimmte Kategorie einzuordnen. Es ist Musik, die sich von Alternative Rock über teilweise schon plastikhaft wirkenden Pop bis hin zu jazzigen Klängen erstreckt. Während ich mich durch Vows lausche, glaube ich immer mal wieder Ähnlichkeiten mit dem Stil auf den ersten beiden Alben von Nelly Furtado zu erkennen. Aber das ist bloß eine Assoziation, die mir durch den Kopf schießt.
Teilweise fühle ich mich auch an frühe Werke von Kylie Minogue erinnert. Cameo Lover ist einer dieser über-süßlichen Songs, bei denen man fast glaubt, dass die Gehörgänge davon Karies bekommen. Das ist aber keinesfalls negativ gemeint. Die Songs von Kimbra klingen modern und retro gleichermaßen. Am ehesten könnte man sie allesamt als kraftvolle und knallbunte Kollagen unterschiedlichster Pop-Einflüsse bezeichnen. Die Stimme der neuseeländischen Künstlerin befindet sich im ständigen Wandel. Mal leise, mal laut, mal säuselnd, mal rau, mal ganz intensiv, dann wieder überzogen hoch und piepsig, zeigt Kimbra all ihr Können und bleibt stimmlich immer enorm präsent und beeindruckend. Der Track Two Way Street wartet mit jeder Menge Bling-Bling auf und wirkt damit fast überladen. Dennoch durchzieht den Song eine fast schwerelose Dynamik. Kimbra dominiert das scheinbare Klangchaos und hält mühelos alles zusammen. Old Flame erinnert fast an vergilbte James Bond Klangwelten aus den 80er Jahren. Auch hier ist Kimbra's Stimme enorm ausdrucksstark und dennoch verspielt. Bei Good Intent wird es dann eher jazzig und die Künstlerin verwandelt sich zur swingenden Diva.
Ähnlich gelagert ist der Live-Track Plain Gold Ring, der fast ohne Instrumentaluntermalung auskommt und nur von der fast schon mit Händen zu greifenden Spannung lebt, welche Kimbra's Stimme erzeugt. Come Into My Head wiederum ist eine flirrende Pop-Nummer, die Disco-Sound der 70er Jahre anmutet. Hier klingt die Neuseeländerin fast etwas nach Beth Ditto von Gossip auf deren neuem Album. Dieses Spiel mit den Klangwelten vergangener Zeiten scheint Kimbra zu faszinieren. Dabei kopiert sie aber nicht in der Breite, sondern pickt sich gezielt die epochentypischen Soundelemente heraus, mischt sie mit neuen Einflüssen und schafft damit faszinierende Klang-Mixturen. So auch bei Sally I Can See You oder Posse. Beim Track Home mischt sie Gospel-artige Elemente mit viel Elektrobeat, bei The Build Up nimmt sie plötzlich ganz massiv Tempo und Klang zurück, reduziert das Instrumentale auf ein Minimalmaß und arbeitet nur mit ganz sachter Stimme den Songtext heraus. Ein sehr gefühlvoller und filigraner Titel entsteht, wo zuvor noch überbordende Klangvielfalt aus den Boxen schallte. Der letzte Song auf Vows trägt den Namen Warrior und ist ganz und gar 80er Jahre Klang-Chic. Ein ungemein abwechslungsreiches und wertvolles Album geht zu Ende.
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Markus Birner ist der Meinung... Auf ihrem Debüt-Album Vows zeigt die neuseeländische Singer-Songwriterin Kimbra, dass sie viel zu lange unverdient nur als Sidekick von Gotye bei dessen Song Somebody That I Used To Know wahrgenommen wurde. Es ist höchste Zeit geworden, dass diese enorm talentierte und facettenreiche Künstlerin die zweite Reihe verlässt und mit ihrem eigenen Musik-Stil die Charts in Europa erobert. Das Zeug dazu hat sie auf jeden Fall. Die insgesamt 13 Songs auf Vows sind wie ein funkelnder Edelstein, der je nach Lichteinfall immer neue Facetten zeigt, immer neu die Farben bricht und vermischt und immer aufs Neue verblüfft und fasziniert.
|