Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
|
|
| Artists - Interviews | |||
| Sonntag, 02. Oktober 2005 um 09:32 Uhr | |||
Curse (Oktober 2005) Am 04.11.2005 erscheint die neueste Knaller-Single "Gangsta Rap" des Mindener Rappers Curse. Bereits einige Tage vorher stand er uns für ein äußerst umfangreiches Interview zur Verfügung, in dem er neben Fragen zu seiner Person auch einige interessante Neuigkeiten zum im Dezember erscheinenden Album "Sinnflut" beantwortet bzw. zu berichten hat. Alex: Vom „20-jährigen, der in seinem Keller Mucke macht“ über den plötzlichen Medienrummel nach den ersten Verkaufserfolgen hin zum „ruhigeren Routinier“, lautete Deine Selbsteinschätzung vor einiger Zeit. Wie geht Deine persönliche Entwicklung weiter? Bist Du noch ruhiger und entspannter geworden? Curse: „Zum Glück bin ich etwas ruhiger geworden. Ich versuche manche Dinge nicht so extrem zu sehen wie früher. Das ist natürlich gut und schlecht... wie es weiter geht werden wir sehen, da stehen auf jeden Fall eine Menge weiterer Tracks vor der Tür.“ Alex: Abseits Deiner terminlichen Verpflichtungen bist Du ja ein Mensch, der sich eher zurückzieht und Partys meidet, um wieder Energie zu tanken. Wie bereitet sich ein Curse mental auf seine Konzerte vor? Curse: „Das ist immer unterschiedlich. Ich zum Beispiel habe es erst einmal geschafft in der Nacht vor einem Splash!-Auftritt nicht absolut sturzbetrunken zu sein... das bringt das Festival mit sich. Abgesehen davon versuche ich einigermaßen ruhig zu bleiben, was aber nicht geht. Egal wie viele Shows ich mache, aufgeregt bin ich immer, aber ich denke wenn das wegfällt fehlt Energy auf der Bühne. Am besten ist ablenken vor der Show und dann die letzten 10 min. vor dem Auftritt zurückziehen und nicht voll labern lassen – auch das ist schwer.“ Alex: Viele denken automatisch, weil sie Deine Musik hören, würden sie auch nur ansatzweise etwas über Dein Privatleben wissen. Selbst betonst Du sehr stark, „dass gerade das mit den Liebesliedern oftmals einfach Entertainment und Storytelling ist“. Wie wichtig ist Dir dieses Behüten Deiner Privatsphäre?Curse: „Sehr wichtig. Meine Musik ist kein Tagebuch. Meine Musik ist selbstverständlich meine Seele, mein Herz, aber nicht mein Striptease. Viele Tracks sind inspiriert durch persönliche Erfahrungen, aber zum Glück gehöre ich zu den Menschen, die auch Eindrücke verarbeiten können, die nicht direkt mit ihnen selbst zu tun haben. Ich bin von anderer Musik, Büchern, Internet, Zeitung und Reisen genau so inspiriert wie von höchst persönlichen Geschichten. Lustigerweise sind die Songs, von denen man es am wenigsten denkt, oft am persönlichsten.“ Alex: Reden wir über Musik… nach eigenen Angaben versuchst Du ja im Gegensatz zu früher „nicht mehr den Beat zu dominieren, sondern Rap und Beat verschmelzen zu lassen“. Gibt es trotzdem eine musikalische Komponente, auf die Du mehr wert legst? Curse: „Mittlerweile inspiriert mich der Beat zum Text. In 99% der Fälle ist der Beat zuerst da. Daher wäre es dumm, den Beat zu verdrängen. Trotzdem kommt es bei Curse sehr auf die Lyrics an, und die müssen am Ende immer das Fundament des Songs sein.“ Alex: Wer Deine persönliche Entwicklung auf den einzelnen Alben aufmerksam verfolgt, der wird schnell merken, dass Du Dich vom „einfachen Rapper“ mehr und mehr zum „kompletten Musiker“ entwickelt hast. Wie stark nimmst Du an der Gestaltung eines Tracks teil bzw. wie kann man sich die typische Studioarbeit bei Dir vorstellen? Curse: „Bei „Sinnflut“ habe ich natürlich auch Einfluss auf Arrangements usw. genommen, habe aber die musikalische Kreativität viel mehr den Leuten überlassen, die Genies auf diesem Gebiet sind: den Producern. Vor allem Sashliq und Claud sind Zauberer was Arrangements und Klanggestaltung angeht, die muss man eher bremsen als ermutigen. Die „typische“ Studioarbeit gibt es eigentlich nicht, bei Features gehe ich zum Beispiel meist mehr oder weniger vorbereitet in die Kabine, rappe ein, und fertig. Bei meinen eigenen Tracks kommt es völlig drauf an. Manchmal sitze ich nachts da, höre stundenlang ein und denselben Beat, und lasse ihn zu mir sprechen. Irgendwann höre ich was er sagt und antworte was. Das wird der Text. Ein anderes mal komme ich vielleicht ins Studio, höre einen Beat, schreibe sofort und rappe ein. Manchmal bekomme ich einen Beat, der mir noch nicht 100% gefällt, von dem ich aber denke, dass er mit etwas Arbeit 110% werden kann. Dann spreche ich das mit dem Producer durch und wir arbeiten parallel.“ Alex: Welche Musik hat Dich am Anfang Deiner Karriere besonders geprägt und was begleitet Dich auch heute noch auf Deinem musikalischen Fortschritt? Curse: „Bewusst und aktiv hat meine Begeisterung mit Public Enemy, Ice Cube, BDP, Ice T, Rakim und Big Daddy Kane angefangen. Dann kamen Gangstarr, EMPD, X-Clan, Pete Rock und C.L. Smooth, Hard Knocks und andere dazu. Der Wendepunkt, an dem ich alles umgekrempelt habe, kam mit „Illmatic“ von Nas. Heute höre ich alles mögliche, vor allem Common, Kweli, Roots, Nas, Jay-Z, Tupac, Game... neben Rap rotiert Marvin Gaye, Sam Cooke, Billie Holiday, Sade und Coldplay.“ Alex: Welche Infos möchtest Du unseren Usern zu Deinem neuen Album preisgeben? Steht schon ein konkretes Release-Datum fest? Wie wird das Album heißen und wie viele Tracks werden darauf zu finden sein?Curse: „Release von „Sinnflut“ ist der 02.12.2005. Das Album ist picke packe voll mit 18 Tracks, produziert von Claud, Sashliq, Pete Rock, D/R Period, Roey Marquis und Monroe.“ Alex: Du hast in anderen Interviews bereits geäußert, Du wärst „nie zu 100 Prozent mit einem Song oder Album, das [Du] gemacht hast, zufrieden gewesen“. Bei wie viel Prozent bist Du mit Deinem neuen Album angelangt? Curse: „Ich muss immer mindestens 95% zufrieden sein, sonst geht nix raus! Trotzdem gibt es im Nachhinein immer Dinge bei denen ich denke: „Shit, wir hätten das besser oder anders machen können“. Aber irgendwann muss Schluss sein. Irgendwann kommt der Punkt an dem man nur noch „verschlimmbessert“. Auf jeder LP sind 1-2 „Verschlimmbesserungen“ drauf, die hört dann aber im Endeffekt keiner außer uns.“ Alex: Auf „Innere Sicherheit“ wolltest Du den Hörern „gerade in schlechten Zeiten etwas Positives präsentieren“. Auch 2005 ist geprägt durch negative Schlagzeilen, wird sich deshalb der Positivitätsgedanke auf dem neuen Album fortsetzen? Curse: „Positivität ist gut. Aber auch Realismus. Zudem bin ich ein extrem melancholischer Typ, melancholische Beats sprechen zu mir viel deutlicher als Party Banger. Daher wird mir ja oft eine depressive oder negative Art unterstellt. Da kann ich nur sagen: „Ihr kennt mich nicht“. Ich bin mir sicher Sade ist eine extrem lustige Frau, trotzdem sind ihre Songs melancholisch. Und? Muss Jeder lustige Musik machen? Wie langweilig wäre das. Ich versuche immer am Ende zu denken: aber, ich bin zum Großteil selbst verantwortlich für mein Glück. Und das hört man denke ich auch auf den Tracks.“ Alex: Ich schätze mal, seit Deinem letzen Album werden Dich viele Ereignisse beschäftigt haben. Wird es folgerichtig auf Deinem neuesten Werk eine Vielzahl an politischen Statements geben? Curse: „Sinnflut“ ist sehr wenig politisch, zumindest wenig „Tagespolitisch“. Das ist nicht meine Stärke, ich bin auch kein Typ der im persönlichen viel Tagespolitik diskutiert. Ich rede viel mehr über andere Dinge. Das reflektiert sich in der Musik.“ Alex: Was bringt Dich innen- und außenpolitisch derzeit besonders auf die Palme? Auf welche Missstände müsste man (musikalisch gesehen) besonders hinweisen, um die Menschen wachzurütteln? Curse: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das heißt nicht, dass keine unvorhergesehene Scheiße passieren kann – aber jeder kann entscheiden wie er drauf reagiert.“ Alex: Wird auf dem neuen Album einiges fortgesetzt, was Dir an „Innere Sicherheit“ wichtig war? Gibt es Themen, deren Kapitel einfach noch nicht abgeschlossen sind?Curse: „Sinnflut“ ist ein völlig neues Kapitel. Jedes Album ist neu. Ein neues Album zu machen heißt jedes Mal das alte loslassen und im Prinzip wieder völlig von vorne anfangen.“ Alex: Folgen nach bislang 20 an der Zahl noch weitere Rap-Gesetze, oder sind bereits genug Regeln aufgestellt worden? Curse: „Zurzeit ist nicht in Planung, das Gesetzbuch zu erweitern. 1-10 sind eh die wichtigsten!“ <lacht> Alex: Wird es eine Limited Edition des Albums geben, mit exklusivem Bild- und Tonmaterial für den „ehrlichen Käufer“? Curse: „Logisch. 3 Bonus-Tracks plus Video und Bildmaterial, und das ganze in einer speziellen Verpackung. Limited Edition, für Sammler und Heads.“ Alex: Images und Symbolität sind für viele Anhaltspunkte, um Künstler bestimmten Kategorien zuzuordnen. Mit Deiner ersten Single „Gangsta Rap“ thematisierst Du diese Tatsache. Welche Message lag Dir dabei besonders am Herzen? Curse: „Images etc. sind ja heutzutage auch notwendig. Und selbst wenn Du nicht von Dir aus damit aufläufst wirst Du in eine bestimmte Schublade gesteckt: „Curse, der mit dem Tee und dem Schwert und der Ex-Freundin“. Wenn Du von vorne herein Dein Image definierst, dann hast Du wenigstens ein großes Stück weit selbst in der hand wie Du wahrgenommen wirst. Das ist nicht dumm. Auf der Single geht es auch nicht nur um die „Image“-Sache, sondern darum, dass das Gleichgewicht im deutschen HipHop, auch in der medialen Präsenz fehlt. Ich sag es ja 1000 mal: ich hab nichts gegen Gangsta Rap. It’s all good. Aber das ist deren Message und das was ich mache ist meine Message. Für die, die das übertrieben „Oberlehrer“-Style finden gibt es wieder die, die das genau richtig „Consciouss“ finden. Genau so wie manche deutschen Gangsta Rap „richtig Street“ und andere affig finden. Life is life.“ Alex: Was hältst Du generell von den aktuellen Entwicklungen der Musikindustrie, besonders im Bereich HipHop? Was stört Dich am meisten? Curse: „Am meisten stört mich dass ich noch nicht gold bin. Aber das kommt noch. Ansonsten finde ich es positiv, dass HipHop endlich die Beachtung findet, die er verdient. Wir sind die Sprache der Kids, mehr als andere Musikrichtungen, vor allem weil wir eben auch das 50-fache an Textanteil haben als andere Musikarten. Leider sehen die Medien oft nur die negativen Aspekte des ganzen.“ Alex: Du meintest in einem anderen Interview, die Leute hätten für ihr Geld einfach mehr verdient als „Typen mit Rücksack“ die auf der Bühne rumpöbeln. Wer bringt Deiner Meinung nach die ganze Sache voran und wer nutzt die Situation nur schamlos aus? Kommt momentan einfach zu viel Müll auf den Markt?Curse: „Müll kommt immer. Die Sache ist nur, dass in einem gegenwärtigen Trend viel Müll mitschwimmt, den sonst keiner beachten würde. Im derzeitigen Street-Rap Hype geht neben einigen extrem guten Leuten auch so viel Zeug das grottenschlecht ist. Dagegen bleibt viel gutes „Consciouss“-Zeug unentdeckt. Wenn jetzt der Consciouss Hype wäre, würde aber auch viel Consciouss Dreck auf dem Markt sein. Das ist die Natur von „Hype“.“ Alex: Statements von Künstlern kann man entnehmen, es gäbe in Deutschland keine richtige HipHop-Szene. Eine Sache, die Du bedauerst? Warum ist es in Deinen Augen wichtig, sich mehr auf die Wurzeln zu besinnen? Curse: „Es gibt insofern keine Szene im romantischen Sinne, weil jeder seine eigene Suppe kocht. Das ist aber auch ok, ich muss ja nicht mit jedem befreundet sein nur weil er rappt. Im Rap gibt es eher Cliquen und Crews, die zusammen arbeiten und sich von anderen abgrenzen. Rap ist schon eine extreme „Competition“-Sache im Gegensatz zu anderen Musikrichtungen. Die so genannten „Wurzeln“ sind mir persönlich wichtig, ich höre aber auch keine Old School-Platten um mich zu „bilden“. Ich höre worauf ich Bock habe. Aber: selbst wenn mir XY nicht gefällt bekommt er von mir Props für das, was er für HipHop getan hat. Punkt.“ Alex: Was kommt nach dem Release des Albums? Wird es eine Tour geben? Wenn ja, wann wird diese voraussichtlich starten? Vielleicht wieder eine DVD? Gibt es zudem neues von den anderen ARR-Künstlern zu vermelden? Curse: „Die Tour zu „Sinnflut“ wird im Februar/März 2006 stattfinden. 2006 gibt es außerdem eine Flut von ARR-Releases: das Italo Reno Album, das Germany Album, das DJ GQ Album, das Stress & Trauma Album und so Gott will das Weser Allstars Album. Außerdem haben wir eine unfassbare Rapperin aus der Schweiz gesigned, „Anna“, die Anfang des Jahres mit ihrer EP kommt.“ Alex: Mein besonderer Dank gilt Curse, der sich trotz großem Zeitdruck für die Fertigstellung seines neuen Albums die Zeit für unser mehr als ausführliches Interview genommen hat. Es war mir eine Ehre, dieses Interview führen zu dürfen. Was möchtest Du uns zum Schluss noch mit auf den Weg geben? Curse: „Vielen Dank an Euch alle für den Support. Hört Euch das Album an, wenn es Euch berührt, kauft es. Es ist was es ist.“ Interview am 02.10.2005, Alexander Riede (Generation One)
|


Curse
Alex: Viele denken automatisch, weil sie Deine Musik hören, würden sie auch nur ansatzweise etwas über Dein Privatleben wissen. Selbst betonst Du sehr stark, „dass gerade das mit den Liebesliedern oftmals einfach Entertainment und Storytelling ist“. Wie wichtig ist Dir dieses Behüten Deiner Privatsphäre?
Alex: Welche Infos möchtest Du unseren Usern zu Deinem neuen Album preisgeben? Steht schon ein konkretes Release-Datum fest? Wie wird das Album heißen und wie viele Tracks werden darauf zu finden sein?
Alex: Wird auf dem neuen Album einiges fortgesetzt, was Dir an „Innere Sicherheit“ wichtig war? Gibt es Themen, deren Kapitel einfach noch nicht abgeschlossen sind?
Alex: Du meintest in einem anderen Interview, die Leute hätten für ihr Geld einfach mehr verdient als „Typen mit Rücksack“ die auf der Bühne rumpöbeln. Wer bringt Deiner Meinung nach die ganze Sache voran und wer nutzt die Situation nur schamlos aus? Kommt momentan einfach zu viel Müll auf den Markt?



