Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
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Artists - Interviews
Sonntag, 23. Oktober 2005 um 09:24 Uhr
Ercandize
(Oktober 2005)

Am 23. Oktober trafen wir Ercandize in Augsburg, kurz bevor er im Rahmen der Optik Takeover Tour 2005 auf die Bühne ging. Im Tourbus führten wir ein sehr entspanntes, interessantes Interview mit ihm.

Tino: Wie verläuft die Tour bisher? Wie begeistert ist das Publikum?
Ercandize: „War bis jetzt ziemlich toll, fast alles war ausverkauft bisher. Die Leute gehen gut ab und sind positiv überrascht. Wir haben auch eine riesengroße Show, dies und das, alles was dazu gehört. Bis jetzt läuft es auf jeden Fall sehr erfolgreich und ich denke der Rest der Tour wird genauso sein.“

Tino: In Interviews kritisierst Du häufig die unpersönliche Beziehung von Plattenfirmen zu ihren Künstlern und sprichst dabei von finanzorientierten Arbeitsverhältnissen und Knebelverträgen. Wie sieht das Ganze bei Optik Records aus?
Ercandize: „Es ist eigentlich die lockerste Beziehung die man sich vorstellen kann. Meinungsfreiheit steht an allererster Stelle. Jeder kann seinen Senf dazu abgeben, nichts läuft ohne dass es Hand in Hand geschieht. Savas ist selbst Rapper und er ist derjenige, der jemanden wie mich am allerbesten versteht und auch die Sachen, die nur die Musik betreffen, am allerbesten nachvollziehen kann. Man kann sich eigentlich keine bessere Beziehung vorstellen, als dass der Labelboss Kool Savas ist.“

Tino: Wie schwierig ist die Schnittmenge aus „passender Chemie“ und Professionalität tatsächlich? Da Du selbst Deine Kollegen definitiv als Freunde bezeichnest, gibt es da nicht manchmal Probleme bei der Umsetzung eines Projekts?
Ercandize: „Ne, eigentlich gar nicht. Jeder macht ja in erster Linie seinen eigenen Kram, jeder macht seine eigene Mucke, macht Beats und hat auch seine eigenen Projekte am Laufen. Ich hab mein „Ear 2 the Street“ Ding gemacht. Nicon macht seine „optische Elemente“ Mixtapes. Caput macht sein eigenes Mixtape und sein Album. Dementsprechend macht Savas halt auch seine eigenen Projekte, wie z.B. „One“, mit denen wir gar nichts zu tun haben. Aber trotzdem helfen wir uns hier und da gegenseitig aus. Es ist nicht so, dass wir Hilfe suchend umherblicken, sondern dass die anderen sich automatisch mit einbringen. Ich hab z.B. einen Beat auf Nicons Mixtape, er hat dafür einen Beat auf meinem Mixtape. Alle Optik-Artists sind auf „Ear 2 the Street” gefeatured. So ergänzt sich eben alles. Für das Optik Takeover – Album waren wir auch ganz normal im Studio und nehmen auf. Da ist nichts großartig mit einem Masterplan, den wir dann abhacken, sondern das geschieht alles automatisch. Wir ergänzen uns gut, deswegen sind wir auch alle zusammen.“

 Tino: Selbst meintest Du, bei Optik Army „ist kein Platz für Egos von irgendwelchen Rappern, die nach ein oder zwei Props einen Höhenflug kriegen“. Meintest Du damit unbewusst die Geschichte mit Eko, oder ist die ganze Sache für Dich längst abgehackt?
Ercandize: „Nein, Eko war ja eine ganze Zeit lang - über zwei Jahre - mit Savas unterwegs, den meinte ich damit eigentlich nicht. Ich meine damit viele andere Leute die plötzlich denken, dass sie es sind, weil irgendjemand, der länger Musik macht denen mal gesagt hat, dass sie gut sind. Die, die sich dann auf ihren Lorbeeren ausruhen und sich denken, okay ich bin der Mann. Von 100 Rappern die ich treffe, sind nun mal 98 so. Ich kenn die ja nicht mal persönlich, aber wenn ich schon sehe, dass die über die Musik so einen Charakter zeigen, dann will ich auch nicht näher was mit denen zu tun haben. Optik ist zwar ein eingeschworener Kreis, aber natürlich sind wir auch offen. Im Endeffekt ist es auch ein Unternehmen, das Savas leitet und ihm auch gehört. Man darf auch das Geschäft nicht vergessen, aber du kannst der beste Rapper der Welt und trotzdem ein riesengroßes Arschloch sein. Dann hast du bei uns nichts verloren. SD ist z.B. immer noch ein Bombenrapper, aber er ist halt ein Psycho, ein kaputter Mensch und so hat sich das irgendwie auseinander gelebt.“

Tino: Nach anfänglicher Begeisterung für Graffiti hast Du Dich ja mehr auf die musikalische Seite konzentriert. Interessierst Du Dich heute noch für Graffiti?
Ercandize: „Auf jeden Fall! Also, zeitlich bin ich in letzter Zeit leider nicht dazu gekommen mal wieder raus zu gehen und zu malen. Aber ich hab z.B. in diesem Sommer an paar Graffiti Contests mitgemacht und hab einfach so aus Joke an Hall of Fames gemalt. Aber es ist nicht so, dass ich nachts raus gehe und irgendwelche Bilder sprühe. Dafür ist mir das Risiko auch zu hoch, ich hab zu viel zu verlieren. Ich könnte eh nicht mehr so viel reißen, das müsste dann schon ein 24 Stunden Job für mich sein, ansonsten lohnt es sich für mich nicht. Ich hab zuviel Respekt vor Graffiti, als das ich es halbherzig machen wollen würde.“

Tino: Was hältst Du von Images in der Musikbranche? Besonders im Bereich HipHop schein man in der Hinsicht in Kategorien zu denken. Als Student der Wirtschaftswissenschaften gehörst Du ja nicht unbedingt zu den sogenannten „Studenten-Rappern“.
Ercandize: „In allererster Linie hab ich mir selber niemals ein Image aufgebaut. Ich bin immer ans Mikro gegangen und hab versucht so gut und so hart wie möglich zu rappen. So dass es mir gefällt und dass ich Leute mitreißen kann. Das Image das ich bei einigen Leuten hab, haben die mir im Endeffekt aufgedrückt. Der harte Battlerapper oder der herzzerreißende Textschreiber oder was auch immer, interessiert mich alles überhaupt gar nicht. Und ganz ehrlich, ich hab Abi gemacht, ich hab studiert, ich hab viele Sachen vorzuweisen auf die ich stolz bin. Die posaun ich auch in die Welt hinaus, damit die Leute sehen, dass Rap nicht alles ist, was es auf dieser Welt gibt. Zu bestimmten Leuten die sich ein Gangster-Image aufbauen kann ich nur sagen, ich bin fünfmal so Gangster wie die. Ich bin auch keiner, der vor irgendwelchen Konfrontationen davonläuft. Jeder der mich kennt, weiß wie ich bin und das reicht mir.“

Tino: Du bist ja mit ABS immer noch in die Hip Hop Szene im Ruhrpott involviert. Mittlerweile tönen die Laute mehr aus Richtung Berlin und andere Teile des Landes verstummen etwas. Mit einem Ohr auf den Straßen müsstest Du mir da widersprechen, oder? Wie entwickelt sich die Szene in Deiner Gegend?
Ercandize: „Berlin ist auf jeden Fall eine Stadt mit sehr viel Potential, aber das Ruhrgebiet steht dem in nichts nach. Nur weil der Fokus auf Berlin gerichtet ist, heißt das nicht, dass im Rest des Landes nichts geht. Das Ruhrgebiet ist riesengroß und da gibt’s mit Sicherheit auch mehr Rapper. Ich hab jetzt natürlich keine Statistiken, aber es gibt auf jeden Fall genug Rapper. Jeder den ich kenn rappt, oder hat irgendwas mit HipHop zu tun. Von dem abgesehen, haben die Leute im Ruhrgebiet immer das gemacht, was sie für richtig hielten. Wir haben uns auch nicht an Trends orientiert, als z.B. Gangsterrap jetzt in wurde. Im Ruhrgebiet wird immer noch die Mucke gemacht, die auch vor 10 Jahren gemacht wurde, nur eben moderner. Wir haben mittlerweile Leute wie Snaga und Pillath, aber Snaga gab’s auch damals schon. Den hab ich auch schon vor acht, neun Jahren gekannt. Der hat damals schon so gerappt wie jetzt, nur seit ein, zwei Jahren rappt er auf Deutsch. Ansonsten OnAnOn, Luke von Creutzfeld und Jakob, Kaas, Fart usw. Es gibt sehr, sehr viel Potential im Ruhrgebiet, nur die Sache ist, dass wir den Leuten anscheinend immer zu uninteressant waren, weil wir keine Images hatten. Wir gehen einfach mit dem Pulli den wir tagsüber anhatten, oder mit dem wir einen Umzug gemacht haben, auf die Bühne und rappen. Wir sind im Ruhrgebiet nicht so Style bedacht. Aber das ist ja auch individuell, jeder macht halt sein eigenes Ding. Im Endeffekt ist das Ruhrgebiet auf jeden Fall ein Gebiet mit sehr viel Potential, von dem man sicher in nächster Zeit wieder was hören wird.“

 Tino: Die Förderung von jungen, talentierten Künstlern scheint Dir persönlich sehr am Herzen zu liegen. Siehst Du Dein neues Mixtape „Ear 2 The Street Vol.2“ zusammen mit DJ Catch auch in gewisser Weise als solche an? Welche Möglichkeiten haben Newcomer in Deutschland, sich ein Gehör zu verschaffen?
Ercandize: „Es gibt da kein Patentrezept. Die meisten Leute die da drauf sind, auch von den neueren, die kenn ich halt, hab sie kennen gelernt bei Auftritten oder Catch kannte sie. Wir haben dann rumtelefoniert und die, die auch Bock hatten und uns rechtzeitig was geschickt haben, sind eben drauf gelandet. Entweder fällt dir jemand auf oder nicht. Einige Leute schreiben mir Emails und schicken mir Songs, oder Demos zu Optik und so kommt das eine zum anderen.“

Tino: Neben Youngsters wie Plan B, Mäckes, F.R. und Sinan sind auf dem Mixtape auch bekannte Rap-Größen wie Moses Pelham, Olli Banjo, Azad und Prinz Porno (um nur einige zu nennen) vertreten. Ein klares Zeichen, dass sich viele dafür interessieren, den Zusammenhalt deutscher HipHop-Künstler zu stärken. War das auch der Grundgedanke des Projekts?
Ercandize: „Darauf hab ich auch abgezielt. Die Leute sollen sehen, wer da alles dabei ist und mit wem ich zum Teil zu tun hab. Optik genießt ja nach außen hin oft das Image, dass wir wirklich mit niemandem was zu tun haben wollen, was ja zum größten Teil auch stimmt. Wir kommen alleine schon gut zurecht und müssen nicht Everybody’s Darling sein oder mit jedem rumhängen. Aber trotzdem sind so Leute wie z.B. Karibik Frank talentierte gute Rapper und nette Menschen. Man sieht sich immer wieder, quatscht miteinander und so landet dann ein Karibik Frank auf meinem „Ear 2 The Street“, weil ich musikalisch gesehen eben Bock auf den hab, und weil er Bock auf mich hat.“

Tino: Mit ca. 90% exklusivem Audiomaterial und der Tatsache, dass auf „Ear 2 The Street Vol.2“ neben den verschiedensten Rhyme-Skills auch ein Wechsel der Generationen vollzogen wird, setzt das Mixtape wahrlich „neue Maßstäbe“. Wie schwierig bzw. zeitintensiv gestaltete sich die Umsetzung des Projekts?
Ercandize: „Ja, das war dann die Aufgabe von Catch. Es ist halt sehr abwechslungsreich, und natürlich gibt’s einige Songs, die der Durchschnittshörer weiter skippen wird. Aber wie soll ich etwas machen, dass wirklich jedem durchgehend gefällt? Ich kann’s ja nicht jedem recht machen. Es gab natürlich auch Leute die Vorurteile hatten, aber die gibt es immer. Die sollen es sich dann einfach nicht holen und sich ihre Meinung, die im Endeffekt keine ist verkneifen.“

Tino: Auf verschiedenen Video-Beiträgen (unter anderem der „Rap City Berlin“ DVD) konnte man erfahren, dass Deine Texte teilweise recht schnell entstehen. Du scheinst mindestens so viel musikalischen Output zu haben wie Kool Savas. Was ist Dir in Deinen Tracks wichtiger: Inhalt oder Rap-Skills?
Ercandize: „Beides! Auf jeden Fall beides. Nur weil ich einen Text in zehn Minuten schreib, für den ein anderer eine Woche braucht, heißt das noch lange nicht, dass mein Text schlechter ist. Im Gegenteil, ich halte mich für einen sehr guten Textschreiber. Wenn ich Bock drauf habe, dann schreib ich etwas mit Inhalt, wenn nicht, dann schreib ich halt irgendwas, was sich schön anhört, aber ich versteif mich da jetzt nicht so. Ich bin auch keiner der sich mit Kuli und Block an den Schreibtisch setzt und da seinen Text schreibt. Wenn ich Bock auf einen Text hab, dann schreib ich den einfach so schnell es geht, weil ich das meiste als Momentaufnahme erlebe und das was ich gerade im Kopf hab, auch sofort loswerden will.“

 Tino: Was ist als nächstes geplant? Steht das exakte Release-Datum für Dein kommendes Solo-Album „Verbrannte Erde“ schon fest? Das Album selbst soll ja schon fertig sein und nur noch an manchen Stellen „verfeinert“ werden.
Ercandize: „Genaues Releasedatum steht noch nicht fest. Als erstes kommt natürlich das Optik Takeover 2005 Album, was größtenteils von Melbeatz produziert wurde und wir alle mit am Start sind. Danach ist das nächste größere Projekt mein Soloalbum „Verbrannte Erde“. Ich hab hier und da noch einige Sachen am Laufen, z.B. das Streetalbum „Sie nannten ihn Mücke“, was zum größten Teil von Rooq produziert wird. Das ist ein Nachwuchsproduzent den ich fördere und der auch auf „Verbrannte Erde“ vertreten ist. Es werden einige Sachen kommen, aber wie gesagt, erstmal nix größeres von mir, natürlich erstmal das Optik Takeover und dann irgendwann hoffentlich mein Album.“

Tino: Was kann man von „Verbrannte Erde“ erwarten? Mit Worten wie „sehr viele müssen sich nach dem Album eingestehen, dass ich außer Konkurrenz für sie bin“ machst Du viele bereits jetzt sehr neugierig darauf. Welche Ansprüche stellst Du an Dein neues Werk?
Ercandize: „Es ist ein sehr musikalisches, perfektionistisches Album geworden. Jede Snare und jede HiHat hat ihre Berechtigung an dem Platz zu sein, wo sie auch ist. Ich hab mir wirklich sehr viele Gedanken über die Texte gemacht, auch wenn die Texte zum größten Teil im Studio entstanden sind, manchmal sogar zwischen Tür und Angel. Es ist auf jeden Fall zu etwa 70 % ein deepes Album, also ein politisches, sozialkritisches und ein extrem persönliches Album geworden. Der Fokus liegt auf mir. Wer dieses Album hört, und mich danach nicht einschätzen kann, muss ein ignoranter Hater sein. Ich sag Sachen, die mir und meinen Jungs aus der Seele sprechen. Es ist eben ein Album, das man entweder liebt oder hasst. Also, ich mache da keine Gefangenen.“

Tino: Und welche Ansprüche stellst Du an Dich als Rapper?
Ercandize: „Ich bin nicht so der gemachte Star und ich distanzier mich davon auch komplett. Ich mach nicht Mucke um der begehrte Ercandize Hardcore-Rapper zu sein. Ohne Scheiß, ich hab natürlich meine Möglichkeiten, ich könnte auch ganz andere Sachen machen um so schnell wie möglich an bestimmte Sachen ranzukommen. Aber mir ist das Wichtigste, Mucke zu machen. In erster Linie wirklich für die Heads. Der Respekt von den richtigen Hardcore HipHop-Fans ist mir Millionen Mal wichtiger, als Platten an 14-, 15-jährige Leute zu verkaufen, die meine Musik nicht zu schätzen wissen. Natürlich fängt jeder irgendwann an irgendwelche Mucke zu hören. Aber es geht ja hier um Rap. Wir machen ja nicht Brit Pop, oder belanglose Pop Musik wo der Text zuweitrangig ist. Wenn ich einen Text schreibe und mir die Mühe mache in die Gesangskabine zu gehen, um ihn so gut wie möglich aufzunehmen, dann will ich auch, dass die Leute meine Texte hören und verstehen. Ich genieß leider Gottes auch sehr viele Vorurteile. Viele packen mich in irgendeine Schublade, in die ich einfach nicht gehöre. Die einen sagen plötzlich, ich bin ein Gangsterrapper oder was auch immer, nur weil ich mal härtere Sachen sage, bei denen die Leute nicht auseinander halten können, wo der Battlerap gerade aufhört und wo dieser Reality Gangstershit anfängt. Ich bin kein Verbrecher, sonst würde ich nicht hier sitzen und mit euch ein Interview führen, sonst wäre ich unterwegs und würde meine Kohle einsammeln. Für viele Leute außerhalb dieser Rapsache, sind wir auch einfach nur primitive Idioten. Dabei wissen die meisten gar nicht, wie sehr wir denen intellektuell überlegen sind. Wie sehr wir uns mehr Gedanken machen, als der Standard Frank, der Bankkaufmann ist und seinen 8-16 Uhr Job erledigt, und sich im Endeffekt niemals richtig Gedanken über das Leben und alles um sich herum macht. In erster Line würde ich mich nicht mal als Rapper bezeichnen, sondern als Denker. Wenn ich 30 Jahre vorher geboren wäre, dann wäre ich vielleicht Schriftsteller geworden. Natürlich mach ich auch Battlerap und bezeichne mich zum Teil auch als Battlerapper. Dann sag ich auch Sachen die hart sind, aber das ist dann eben diese Battlerap Sache.“

Tino: Danke für das Interview! Möchtest Du unseren Usern von Generation One noch etwas mit auf den Weg geben?
Ercandize: „Bleibt sauber!“ <lacht>

Interview am 23.10.2005,
Tino Kordas / Murray Schell (Generation One)