Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
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Artists - Interviews
Freitag, 10. Februar 2006 um 09:58 Uhr
Pyranja
(Februar 2006)

Der Bundesvision Song Contest 2006 war gelaufen – man kann im Falle von Pyranja, der Vertreterin des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern auch von einem erfolgreichen Wettbewerb sprechen – und nur einige Tage später hatten wir die smarte und äußerst charmante Rostockerin (bzw. Neu-Berlinerin) am Telefon, um mit ihr ein Interview über ihr neues Album „Laut & Leise“ zu führen.

Alex: Von „Wurzeln & Flügel“ über „Frauen & Technik“ zu „Laut & Leise“… Warum gerade die Wahl solcher ambivalenten Begriffe in den Albumtiteln? Gibst Du damit schon eine bestimmte Marschrichtung vor, die das jeweilige Album gehen soll, oder lässt Du bewusst Interpretationsspielraum?
Pyranja: „Dieses „Und-Ding“ ergab sich schon ein wenig durch die beiden vorherigen Alben und „Laut & Leise“ hat da einfach gut in das Konzept gepasst. Mit dieser Gegensätzlichkeit spiele ich ein wenig darauf an, dass es das eine nicht ohne das andere gibt, gut bei „Frauen & Technik“ jetzt weniger, aber ich weiß noch nicht, ob ich das auch bei einem vierten Album so machen würde.“

Alex: Die Albumproduktion zu Deinem neuesten Longplayer verlief mit 4-6 Wochen doch sehr kurz und unter enormen Zeitdruck. Welche Erfahrungen hast Du dabei für Dich persönlich gesammelt?
Pyranja: „Ich habe gemerkt, dass ich jemand bin, der sogar sehr gut unter Zeitdruck arbeiten kann! Ich habe mir selbst schon den nötigen Druck aufgebaut, denn das Album musste so schnell wie möglich fertig werden. Und dadurch, dass ich gar nicht drüber nachgedacht habe, was ich da konkret mache, ist das Album so unverkopft wie keines davor. Ich hatte zwar schon das Layout davor, ein paar Ideen und den ein oder anderen halbfertigen Text, aber der Großteil lief eben unter diesen knapp kalkulierten zeitlichen Bedingungen ab. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass ich so schnell ein Album machen könnte, hätte ich gesagt: „Du spinnst doch!“. Jetzt weiß ich es besser. Im Nachhinein kann ich’s nur jedem empfehlen.“

Alex: Selbst sagst Du: „Vielleicht bin ich jemand, der sich erst unter Druck richtig entfalten kann.“. Ist so etwas dann besser für das Endprodukt oder leidet die Qualität etwas darunter? Wie zufrieden bist Du mit „Laut & Leise“?
Pyranja: „Ich bin sehr zufrieden, da dies wohl mein bestes Album ist. Ich werde beim nächsten genauso arbeiten, denn ich meine man kann ein Album auch in 2 Jahren machen und dann verlieren die ersten Tracks schon wieder an Stärke, weil auch so viel Zeit dazwischen verstreicht und so ist „Laut & Leise“ einfach eine wertvolle Momentaufnahme.“

 Alex: Die Beats stammen ja überwiegend von Roman Preylowski und das Album entstand in enger Zusammenarbeit mit Headrush Records. Wie kann man sich da den typischen Studioalltag vorstellen bzw. wie gestaltete sich der Arbeitsprozess?
Pyranja: „Studioalltag mit Roman… Zwischen 11 und 14 Uhr haben wir uns getroffen und sind ins Studio gefahren, dann Kaffee holen und erstmal Essen gehen. Nach 2-3 Stunden sind wir endlich rein, haben aufgenommen und irgendwann nachts um 3 sind wir dann wieder losgefahren. In der Zeit, in der Roman den Song fertig gemacht hat, habe ich schon wieder weiter geschrieben, also haben wir nur gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet… Soviel zum Studioalltag und zum Prozess gibt es folgendes zu sagen: Roman hat auch ein paar Vorlieben in Sachen Beats und legt viel wert auf Qualität. Meine einzige Idee war eben, dass nicht nur eine bestimmte Grundstimmung auf dem Album vorherrscht, sondern dass auch bei traurigen Liedern immer das Positive zum Vorschein kommt. Ich lege ihm was vor und es ist schon eine harte Endkontrolle bei Roman. Wir besprechen dann gemeinsam, was wir an einzelnen Stellen verändern würden. Wir sind da fast schon wie nach einer Art Rezept vorgegangen und haben geschaut, welche Zutaten noch fehlen. Ich hatte auch gar keine Zeit, mich mal mit einem Song anzufreunden. Ich meine, man hat auf jedem Album ja seine Favoriten und Lieder auf die man besonders stolz ist. Auf diesem Album muss ich teilweise heute noch überlegen, wie die Songs heißen, es ist irgendwie anders aber auch sehr cool.“

Alex: Mit dem Track „Nie wieder“ und der Anfrage von Stefan Raab bzw. Brainpool, ob Du beim Bundesvision Song Contest 2006 mitmachen würdest, kam überhaupt erst die Idee zustande, ein komplettes Album (zu diesem Zeitpunkt) zu recorden. Ist der Song eher auf das Publikum der Sendung abgeschnitten oder wurden tatsächlich „keine Kompromisse eingegangen“?
Pyranja: „Kompromisse eingehen ist natürlich eine Sache, die sich immer negativ anhört. Die Sache war so, dass ich angerufen und gefragt wurde, ob ich mitmachen möchte. Sie wollten aber erstmal einen Song hören und ich dachte, bevor ich Hardcore-Battlerap einschicke und die dann sagen, „Schön und gut aber so was können wir hier nicht spielen.“… Insofern war das schon sehr durchdacht, was wir da fabriziert haben. Wir haben die Single aufgenommen und ich habe mir viele Gedanken gemacht, welches Thema ich nehmen kann und wie man auch einen Song so schreibt, dass er bei möglichst vielen Leuten gut ankommt. Da wir auch wussten, dass wenige von den Leuten, die da zusehen werden, auch wirklich HipHop-Fans sind, war es schon eine Gratwanderung, aber ich denke es ist uns gut gelungen. Wir haben den Song eingeschickt und ewig nichts gehört und ich dachte: „Naja, wird wohl nichts, zu viel HipHop eben…“ aber nach 3-4 Wochen rief Brainpool dann an und sie meinten ich wäre auf jeden Fall am Start. Ich habe mir dann auch gedacht, wenn ich bei Stefan Raab sitze, will ich nicht nur eine Single haben, sondern ein komplettes Album. Und zwar nicht nur so ein Mischding, sondern ein richtiges Rap-Album und so passt auch die Single in das Konzept.“

 Alex: Ich habe die Sendung mit Spannung verfolgt, und konnte durchaus den Eindruck gewinnen, Du hättest sichtlich Spaß, vor einem Millionenpublikum an den TV-Geräten zu performen. Wie waren Deine Gesamteindrücke von der Show und dem ganzen Geschehen nebenher?
Pyranja: „Ich hatte 2-3 Proben vorher, die waren allesamt scheiße und ich wollte schon alles absagen, weil ich so aufgeregt war. Ich war völlig fertig mit den Nerven und dann so ’ne halbe Stunde vor der Show wurde ich auf einmal ganz ruhig und diese 3 Minuten da oben auf der Bühne waren einfach der Wahnsinn, ich habe eigentlich um mich herum nicht so viel mitbekommen. Bei der Generalprobe war ich so aufgewühlt, dass ich so ziemlich alles verkackt habe, was man verkacken kann und dann auf einmal als alles live war und die Ansage kam: „Bühne frei!“ haben die Leute gerufen und ich war einfach super konzentriert und fokussiert. Und es war auch total super mit meiner Band zu spielen. Nach der Show wurde ich dann sofort krank, habe Kopfschmerzen bekommen und Schnupfen… weil ich vorher nur am Arbeiten war und das fiel dann alles von mir ab. Es ist wie bei Sportlern, die für einen Wettkampf trainieren, doch es war zum Glück so, dass ich relativ schnell wieder gesund wurde.“

Alex: Gewonnen haben letztlich Seeed aus dem Bundesland Berlin als Dancehall-Act. Neben Massive Töne hast Du den deutschen HipHop vertreten und schließlich einen respektablen achten Platz belegt. Trotzdem kann man ja sagen, dass alleine die Teilnahme ein großer Erfolg ist, da speziell Leute, die keine Ahnung von Rap-Musik haben – und das betrifft leider immer noch den Großteil der Republik – auf Dich aufmerksam gemacht wurden. Stimmst Du mir in diesem Punkt zu?
Pyranja: „Natürlich, ich wollte auf jeden Fall besser als Deichkind im Vorjahr abschneiden und hatte keine großen Erwartungen im Vorfeld. Wie Du schon gesagt hast, das Publikum ist weniger an HipHop gewöhnt und gerade deswegen finde ich einen achten Platz total krass. Mit dem Erfolg hätte ich einfach nicht gerechnet.“

Alex: Ich möchte jetzt keinen wunden Punkt treffen, aber so wichtig wie Dir der Fakt war, dass durch den Track „1929“ mehrere Menschen „eine bewegende Lebensgeschichte“ hören sollten, ist mir an dieser Stelle auch eine Erwähnung der Thematik. Wenn Du möchtest, kannst Du ein paar Worte darüber verlieren…
Pyranja: „Es ist jemand, der mir sehr nahe steht und ich wollte halt unbedingt einen Song über den Menschen machen, weil er mir einfach sehr viel bedeutet hat. Mein Großvater ist vor einem knappen Jahr gestorben und er kam im Alter von 15 Jahren in ein Kriegsgefangenenlager in Russland. Hätte er damals nicht den Willen gehabt, zu kämpfen und durchzuhalten, wäre ich wohl nicht hier. Es wird oft in unserer Gesellschaft einfach vergessen, viele Sachen als selbstverständlich angesehen und man regt sich noch über Kleinigkeiten des Lebens auf. Ich sag mal so, ich habe von allen Songs am längsten dafür gebraucht, es zu schreiben und dann haben wir es sehr schnell aufgenommen. One Take, nach einer Viertelstunde war das Ding im Kasten und es geht mir schon sehr nahe. Ich kann den Track auch seitdem nicht mehr hören.“

Alex: In einem Interview meintest Du, „Laut & Leise“ würde „in Sachen Soundästhetik und Inhalt dort anschließen, wo ‚Wurzeln & Flügel’ anfing und den Kreis komplettieren“. Kannst Du das vielleicht etwas genauer erklären?
Pyranja: „Mmh… bei z.B. „Wurzeln & Flügel“ hat ja auch Roman sehr viel Einfluss darauf genommen und es war auf jeden Fall von der Themenwahl her auch sehr ähnlich. Dann habe ich eben „Frauen & Technik“ gemacht, um zu sehen ob ich auch selbst was rausbringen kann. Da hab ich auch anfangs gar nicht dran geglaubt, aber es hat geklappt. Es war komplett mit AlphaBeatz produziert und es waren auch andere Features drauf. Ich weiß nicht, vom Gefühl her schließt „Laut & Leise“ einfach an „Wurzeln & Flügel“ an und es erinnert mich auch am meisten an dieses Album.“

 Alex: Sehr interessant fand ich auch Deine Aussage, Du hättest das Gefühl, in der Vergangenheit „die Stimmung eines Tracks nicht hundertprozentig rübergebracht zu haben“, weil Du mit einem bewusst härteren Rapstil den gängigen Klischeebildern („Mädchenrap“ etc.) entfliehen wolltest… Hat sich dies mit der neuen Platte geändert?
Pyranja: „Die Sache mit den Klischeebildern hat mich schon ein wenig beschäftigt, weil das einem ständig vor die Nase gehalten wird. Ich habe diesmal gar nicht darüber nachgedacht, ob man das mit einer Mädchenstimme machen darf, ob man weich rappen oder mal flüstern darf oder anders abgeht als z.B. Jungs. Wenn man älter wird, spielen sich halt ganz andere Sachen im Kopf ab. Mit dem Alter lernt man viel dazu und ich höre und weiß jetzt auch ganz genau, was ich anders machen würde. Damals war ich eben noch sehr gefangen im Rap…“

Alex: Du wirst ja in Interviews sehr oft auf Images und Deine Rolle als Frau in einer Männerdominierten HipHop-Szene angesprochen, weshalb ich als Journalist mal ganz klar von dieser Linie abweichen will… „Laut & Leise“ ist ja nun sehr abwechslungsreich geworden, aber gibt es eine künstlerische Facette auf dem Album, die Dir besonders am Herzen liegt?
Pyranja: „Ich weiß nicht, ich habe halt irgendwie mehr die Anja rausgelassen bei diesem Album. Es ist auch sehr viel ehrlicher geworden, es hält sich mehr an die Fakten und ist größtenteils schon sehr persönlich. Ich möchte natürlich, dass mir die Leute auch zuhören und ich versuche mit meinen Raps bestimmte Bilder aufzubauen.“

Alex: Planst Du schon die nächsten Schritte, die Du mit Deinem Label Pyranja Records gehen willst oder ist Dein Terminkalender so eh schon voll genug? Wird es denn eine Tour zum Album-Release geben?
Pyranja: „Ich habe jetzt die letzten Wochen so hart an dem Album gearbeitet, dass das alles erst noch ein wenig verdaut werden muss. Das hängt mir schon noch in den Knochen. Ich habe natürlich super viele Interview- und Feature-Anfragen momentan, das muss ich jetzt alles erst noch sortieren, meinen Kopf klar kriegen und dann gehen wir auf Tour im März/April in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darauf freue ich mich besonders und anschließend werde ich erstmal Urlaub machen. Ich war, ich möchte nicht sagen planlos, aber ich habe mir noch nie großartig Gedanken gemacht, was so in einem Jahr sein wird, aber ich bin auf jeden Fall stolz als Frau ein Label wie Pyranja Records zu führen.“

Alex: Ich bin mir ziemlich sicher, die richtigen Leute werden auch in Zukunft Deine harte Arbeit zu schätzen wissen und wünsche Dir an dieser Stelle viel Erfolg mit allem, was Du in die Hand nimmst. Vielen Dank für das Interview. Dein finales Statement?
Pyranja: „Hört Euch auf jeden Fall mein Album an, kauft Euch die Single, schaut auf meine Website, schreibt in mein Gästebuch, ladet Euch Online-Tracks runter und es gibt auch ein Forum… ich lege auf jeden Fall sehr viel wert auf Eure Meinungen und freue mich auf Eure Einträge.“ <lacht>

Interview am 10.02.2006,
Alexander Riede (Generation One)