Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
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Artists - Interviews
Dienstag, 28. März 2006 um 10:08 Uhr
Bass Sultan Hengzt
(März 2006)

Für den Berliner Rapper Bass Sultan Hengzt ging es nach der Trennung von Ersguterjunge erst einmal zurück in den Untergrund. Dass gerade das sein Durchbruch in der Szene bedeuten würde, konnte man vor dem Release seines neuen Albums noch nicht ahnen. Begeistert von seinem 24-Track starken Longplayer, lassen wir nun in unserem Special die „Berliner Schnauze“ auf unsere User los, wenn Hengzt wie gewohnt im Interview kein Blatt vor den Mund nimmt.

Alex: Du bist ja bekanntlich über die Graffiti-Szene als Mitglied der damaligen Sprühergang TMR zum Rap gekommen. Kein ungewöhnlicher Werdegang für einen HipHop-Künstler. Wie bist Du konkret auf die Idee gekommen, selbst Musik zu machen?
BSH: „Das kam von alleine. Was zuerst nur ein Hobby war, wurde nach einer Weile mein Job. Nachdem ich das erste Mal Geld  für das Rappen gesehen habe, wurde das Sprühen und Verticken von Handys oder Drogen Nebensache. Ich bin in dieses Geschäft langsam rein gewachsen.“

Alex: Wenn man Dich auf Deine musikalischen Wurzeln und Einflüsse anspricht, würdest Du dann eher Acts aus dem unmittelbaren Berliner Umfeld erwähnen oder gibt es auch internationale Vorbilder?
BSH: „Ja es gibt ’ne Menge Berliner Untergrund-Künstler, die mich inspiriert haben. Aber mehr kommen die Einflüsse und die Wurzeln von der Zeit, wo ich noch intensiv mit der Gang zusammen war. Irgendjemand gab mir mal dann ein Mic und sagte... hier, erzähl mal was.“

 Alex: Diese Frage wird Dir wohl am häufigsten gestellt, da Du von beiden Seiten (Major vs. Indie) berichten kannst. Wenn Du einen direkten Vergleich aufstellen müsstest, wo siehst Du generell die Vor- und Nachteile und was ist für Dich persönlich wichtiger in Sachen Arbeitsatmosphäre?
BSH: „Damit eine gute Atmosphäre herrscht, musst Du den Leuten um dich herum vertrauen können. Und einem Major kannst Du nicht vertrauen. Die lassen Dich nach ’ner Zeit fallen, wie eine heiße Kartoffel. Vorteile bei ’nem Major sind die, die haben einfach das Geld und die Connection, um Dich zum Star zu machen. Da spielt Deine musikalische Begabung keine Rolle. Wenn sie was wollen, schaffen die das auch. Aber wir haben leider nicht das Geld, um uns in den Charts 20 Plätze hoch zu kaufen.“

Alex: Wie schätzt Du Dich selbst als Künstler in der deutschsprachigen HipHop-Szene ein bzw. wie würdest Du den bisherigen Werdegang von Bass Sultan Hengzt beschreiben? Beantworte diese Frage doch bitte einmal in typischer Bravo-Manier und dann für ein Musikmagazin.
BSH: „Ich war sehr lange im Untergrund. Jeder wusste das irgendwann. Meine Zeit kommt. Ich habe mir noch ein wenig Zeit gelassen. Von dem besten Rapper im Untergrund bin ich nun zum Newcomer 2006 geworden. Ich sag jetzt nicht, es ist meine Zeit. Das war sie schon immer. Ob es eine gute Idee war, den Kampfhund aus dem Käfig zu lassen, muss jeder für sich entscheiden. Aber dieser Kampfhund beißt im Gegensatz zu anderen deutschen Rappern zu.“

Alex: Kommen wir gleich zur Bravo und anderen Teenie-Plattformen, die mit zunehmendem Interesse über Dich berichten. Freut Dich so etwas oder denkst Du, dass dies auf Kosten der „Street Credibility“ geschieht?
BSH: „Ich feier mich. Aber jetzt mal ganz ehrlich. Habe ich mich so krass verändert? Nein. Und ich bin so Strasse, da kann keiner meine Street Credibility bestreiten. Punkt.“

Alex: Auf Deinen Durchbruch in der Musikszene angesprochen, fallen die Songtitel „Gangbang“ und „Schlampe“. Schon alleine bei diesen beiden ist ein deutlicher Fortschritt in Sachen Raptechnik herauszuhören. Wie gehst Du mit solchen Meinungen und den überwiegend positiven Reaktionen auf Deine „persönliche Weiterentwicklung“ um?
BSH: „Soll ich mich jetzt freuen? Ich war schon immer gut. Die Leute wollten es bloß nie wahr haben. Das „Postitive“ was in meinen Augen einfach nur Geschleime ist, geht mir am Arsch vorbei. Jetzt bin ich das. Da hilft auch kein Augen schließen mehr.“

 Alex: Würdest Du Dich jetzt als „kompletten Künstler“ bezeichnen? Markante Stimme, ansprechende Technik und mehr Themenvielfalt… Auch in Sachen Beats sind mittlerweile erstklassige Produzenten am Start, während Du früher „einfach darauf geschissen und auf jeden Beat gerappt“ hast.
BSH: „Es war früher wie gesagt nur Fun-Rap aus Spass, ein wenig Geld verdienen. Jetzt wollte ich meinem Leben ein Ziel geben. Im Unterschied zum Rap von damals ist, dass ich jetzt 100% an meiner Musik arbeite und nicht mehr Tracks in 10 Minuten hinballer. Ich sehe mich als kompletten Künstler.“

Alex: Mal abgesehen von einem Feature mit Deinem Schwanz und vielen anderen Gästen wie Afrob… Welchen Track würdest Du als Besten auf Deinem neuen Album „Berliner Schnauze“ bezeichnen? Ist Dir ein bestimmtes Thema / eine Message an die Hörer besonders wichtig?
BSH: „Für mich persönlich ist „Dafür hab ich Dich nicht gebraucht“ mein Lieblingstrack. Mit diesem Track mach ich mit der Vergangenheit Schluss. Ein neues Kapitel beginnt. Es sind alle Themen, die ich ansprechen wollte, gedeckt. Eine Message ist immer in meinen Texten. Auch in den Battle Tracks. Die Leute müssen aber meine Umwelt verstehen können, um diese Message in meinen Battle-Tracks zu verstehen.“

Alex: Am wenigsten hätte man wohl eine Art Liebeslied wie „Kennst Du mich noch“ (feat. J-Luv) von Bass Sultan Hengzt erwartet. Trotzdem klingt alles sehr ehrlich. Möchtest Du auch weiterhin Deinen Fans „ein bisschen was von [Deiner] Welt zeigen“?
BSH: „Das habe ich wie gesagt schon immer gemacht. In jedem Battle-Track ist etwas von meiner Welt. Aber Tracks  wie „Kennst Du mich noch“ sind natürlich noch persönlicher als die davor.  Aber „Kennst Du mich noch“ ist genauso persönlich wie „Seitdem ich rappe“! Wie Curse sagen würde: „Ich rap das, was ich denke, erlebe und fühle“.“

Alex: Im Booklet bedankst Du Dich bei Deiner ganzen Familie und meinst: „Der schönste Tag in meinem Leben war, als Ihr zu mir gesagt habt dass Ihr stolz auf mich seid.“. War man anfangs tatsächlich so skeptisch wie auf dem Track „Dafür hab ich Dich nicht gebraucht“ zu hören bekommt?
BSH: „Ich war schon immer ein…sagen wir mal Rowdy. Ich habe meinen Eltern viel Kopfschmerzen gemacht. Ich habe nie was Anständiges in meinem Leben erreicht, deshalb gab es auch keinen Grund, dass meine Eltern auf mich stolz sein  können. Anstatt gute Noten habe ich Anzeigen nach Hause gebracht. Aber sie haben mich immer unterstützt. Man scheißt auf die dicke Kohle, wenn die Familie stolz auf einen ist. Der Track „Dafür hab ich Dich nicht gebraucht“ ist nicht nur an meine Ex-Freundin gerichtet. Der ganze Song ist für jeden einzelnen, der nie an mich geglaubt hat… Und da könnt ihr mir glauben, das waren ’ne menge, menge Leute. Seit meiner Grundschule wurde mir eingetrichtert, dass nix aus mir wird. Lehrer, Freunde, Feinde, sie die eigene Partnerin haben immer an meiner Zukunft gezweifelt und mir das auch direkt in die Fresse gesagt. Seitdem tickt da oben bei mir auch irgendetwas nicht mehr so richtig. Mit diesem Track will ich meinen Fans auch den Mut geben, weiter an ihren Träumen festzuhalten, denn ich hab es geschafft. Und wenn ich das sage, ist da auch ’ne Menge dran. So als härtester Rapper Deutschlands.“

 Alex: In Interviews und auf der zweiten Singleauskopplung „Millionär“ machst Du ja Deine Zukunftswünsche sehr deutlich. Mal ganz realistisch betrachtet, wo siehst Du Dich in 5 Jahren?
BSH: “Oh Gott. Abturn-Frage… Als Musiker muss man immer Angst vor der Zukunft haben. Man weiß nie, was passiert. Aber ich gebe mein Bestes um weiterhin  im Business bestehen zu bleiben. Aber Musik ist ein auf und ab. Ich hoffe, dass ich in 5 Jahren eine gesunde Familie mit 2 gesunden Kindern, meinem Amstaff und ’ne menge Kohle habe.“

Alex: Der Aggro Berliner Fler ist auffallend oft auf „Berliner Schnauze“ gefeatured. Nach Deinem Weggang von Ersguterjunge hat er Dich in vielerlei Hinsicht unterstützt. Seit wann kennt Ihr beide Euch schon und welche musikalischen Gemeinsamkeiten teilt Ihr Deiner Ansicht nach?
BSH: „Ich kenne Fler seit der Grundschule. Wir haben ’ne Menge durchgemacht, haben uns gestritten und wieder vertragen. Das ging eine Zeit lang so. Aber im Endeffekt mochten wir uns immer. Wir inspirieren uns gegenseitig… wir unterhalten uns oft über Gott und die Welt. Mit Fler werde ich noch mit 80 Jahren über jeden Scheiß quatschen. Hört sich irgendwie schwul an, wa? Deshalb kurz mal ein Tobias Regner ist ein Hurensohn… damit ich wieder cool bin!“ <lacht>

Alex: Was kann man als nächstes von Bass Sultan Hengzt erwarten? Machst Du noch mehr gemeinsame Sache mit Fler, vielleicht sogar ein Kollabo-Album? Wird es eine Tour geben oder steht erst mal Straßen-Diplom an?
BSH: „Ich zieh mich erstmal ein wenig zurück. Die Tour kommt im Mai und mit Fler kommt auch bestimmt was. Ich hatte aber leider gerade eine Not-OP am Hals hinter mir. Dabei wurden meine Stimmbänder beschädigt. Das macht mir gerade am meisten Sorgen.“

Alex: Danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg für Deine Solokarriere und Dein Label Amstaff. Das Schlusswort gehört Dir…
BSH: „Eine Frage an die Leute… kann ein Hardcore Battle-Rapper zum Denker werden? Oder war er schon immer einer? Haut rein!“

Interview am 28.03.2006,
Alexander Riede (Generation One)