Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
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Artists - Interviews
Mittwoch, 04. Oktober 2006 um 10:31 Uhr
Meyah Don
(Oktober 2006)

Der Pflanzenmensch Meyah Don, der sich gerne als der einzig wahre Öko-Rapper in Deutschland bezeichnet, veröffentlichte vor kurzem sein drittes Soloalbum mit dem Namen „Auf neuen Wegen“. Und all denjenigen, denen Gangsta-Attitüden zum Hals raushängen, erschließt sich mit diesem Album tatsächlich etwas Neues: die Natur. Checkt das Interview, die Albumkritik und das Videosnippet zu „Auf neuen Wegen“.

Murray: Hi Meyah Don! Für alle die Dich noch nicht kennen, stell Dich doch bitte erst mal kurz vor…
Meyah Don: „Tach Murray! Ja, was soll ich groß sagen. Ich bin Meyah Don der einzig wahre Öko-Rapper in Deutschland. Ich mache Rap-Musik abseits von aggressiven oder oberflächlichen Inhalten und lege in meinen Texten großen Wert auf Authentizität. Charakteristisch für mich sind Themen, die sich mit dem Bereich Natur beschäftigen sowie ausgearbeitete Storyteller. Ich mache Rap zum Zuhören und Analysieren. Ich denke das beschreibt mich ganz gut.“

Murray: Was hat Dich an Rap beeindruckt bzw. beeinflusst, auch selbst anzufangen?
Meyah Don: „Also bevor ich anfing Rap zu hören, war eigentlich eher Reggae und Ragga meine Musik. Ich stand auf diesen ganzen Conscious-Kram und fluchte auf Babylon. Ein Freund aus meiner Klasse – ich denke ich war damals 15 – hat mir dann immer selbst gemachte HipHop-Mixtapes mitgebracht, auf denen auch viel von diesen Native Tongue-Dingern wie Tribe Called Quest, Brand Nubian, De La Soul, Main Source usw. drauf war. Darin habe ich ähnliche Inhalte gefunden und die Mucke ging mir schnell ins Blut über. Mit dem genannten Freund habe ich zu der Zeit viel gechillt, meistens irgendwo draußen weil wir dabei natürlich den einen oder anderen geraucht haben und unsere Eltern das ja nicht mitkriegen durften. Wir haben rumgehangen, über Walkman Mucke gehört und Hani (der Freund) kam eines Tages auf die Idee, dass wir uns ja auch in Reimen unterhalten könnten. Daraus resultierten die ersten Cyphers, dann haben wir angefangen Texte zu schreiben. Und weil wir auf einer Musikbetonten Schule waren, hatten wir bald eine kleine Band namens Droso Phillis zusammen, die uns mit jazzig-funkigen Tunes versorgte. Das war im Grunde der Anfang.“

 Murray: „Auf neuen Wegen“ ist dein 3. Soloalbum. Welche Reaktionen hast Du bis jetzt darauf bekommen?
Meyah Don: „Ich habe bisher eigentlich nur gutes Feedback gekriegt. Natürlich gibt es Leute, die mit dieser Art von Rap wenig anfangen können. Von denen kommen dann eben die üblichen Parolen wie „schwul“ oder „Müsli“, aber da stehe ich weit drüber. Ich habe nix gegen Schwule und ich esse gerne Müsli – im übertragenden Sinne: Scheiß drauf! Ich habe aber auch gemerkt, dass es da ein paar fanatische Menschen gab, die wirklich schon sehnsüchtig auf mein neues Album gewartet haben und es jetzt richtig feiern. Auf jeden Fall ein gutes wenn auch abstraktes Gefühl. Und von vielen Leuten, die mich bisher noch nicht kannten, hört man häufiger so eine Art Aufatmen von wegen: Gut mal wieder Rap zu hören, der nicht bloß aus Image und Oberfläche besteht!“

Murray: In dem ersten Track heißt es „In dieser Sekunde begibst du dich auf neue Wege…“. Was willst Du damit aussagen, was ist „neu“?
Meyah Don: „Der erste Track soll den Hörer auf das einstellen, was ihn im weiteren Verlauf des Albums erwartet. Es geht darum, dass man sich auf das Album einlassen muss, um Rap auf einer anderen Ebene und weit weg von den üblichen Klischees kennen zu lernen. Das Lied soll dazu auffordern hinzuhören, um die Musik richtig aufnehmen zu können, so dass sich eventuell neue Blickwinkel erschließen. Dabei geht es sowohl um die textlichen Inhalte, aber vor allem um das Gefühl Musik zu hören. Letztendlich soll das gesamte Lied aussagen: Versuch einfach, alles was Du kennst und worauf Du im Rap fokussiert bist, abzulegen und vielleicht entdeckst Du etwas neues, das Dir gefällt und das Dich überzeugen kann!“

Murray: Welche Gefühle willst Du beim Hörer auslösen? Auf was zielt die Stimmung auf Deinem Album ab?
Meyah Don: „Ich glaube ich habe keine generelle Stimmung, die sich durch das ganze Album zieht. Mal sind die Tracks nachdenklicher, mal ironischer und manchmal lockerer. Aber insgesamt verlangen alle Tracks den Faktor Zuhören. Außerdem zieht sich meine Anti-Haltung gegenüber der vorherrschenden Stimmung im deutschen Rap auch wie ein roter Faden durch das Album, genau wie seit jeher mein Hang zur Natur. Aber ich denke man kann deutlich sagen, dass es kein Party-Album ist, auch wenn der ein oder andere Beat sicherlich tanzbar und durchaus clubtauglich wäre. Ich würde denken das ist ein Album mit Hörbuchcharakter, in dem die einzelnen Kapitel am Ende ein gutes Bild von mir und meinem musikalischen Anliegen zeigen ohne dabei unbedingt eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen.“

 Murray: Woher kommt dieser gewisse Hang zur Natur in Deinen Texten? Wie zeigt sich dies in Deinem Leben außerhalb der Musik?
Meyah Don: „Das ist fast schon eine psychologische Frage. Ich erkläre mir meinen Hang zur Natur durch meine Kindheit. Meine Eltern bzw. später meine Mutter und ihr Freund hatten und haben ein kleines windschiefes Fachwerkhaus in einem Dorf in Niedersachsen. Dort bin ich als Kind immer in den Ferien gewesen und habe gemeinsam mit einem Nachbarssohn namens Tilli Wald und Flur erkundet. Dieser Mensch hat mich auf jeden Fall nachhaltig durch sein Wissen und seine biologische Beobachtungsgabe auch schon in jungen Jahren beeindruckt und beeinflusst. Aber auch in Berlin sind meine Eltern regelmäßig mit mir und meiner Schwester raus in den Grunewald gefahren und haben mit uns Ausflüge unternommen. Und schließlich ist da noch meine Oma mütterlicherseits, die in ihrer Wohnung am bayrischen Platz ein Gartenzimmer hatte, das über und über mit Pflanzen voll war. Diese Frau hatte das, was man als grünen Daumen bezeichnet und hat mir beigebracht, dass man mit Pflanzen reden und gut mit ihnen umgehen muss, weil sie auch Lebewesen sind, die nur eine andere Form der Wahrnehmung und Kommunikation besitzen, als der Mensch. Außerdem merke ich selber, dass es mich immer mehr raus zieht, raus aus der Stadt und rein in die Natur. Dieser Wunsch wird immer stärker, obwohl ich ja auch eine Berliner Pflanze bin und daher hier verwurzelt. Aber jedes Mal sobald ich aufs Land komme und den weiten Himmel über mir und die Natur um mich habe, fühle ich mich innerlich viel ruhiger, viel ausgeglichener und freier. Ich kiffe dann zum Beispiel auch so gut wie gar nicht, ohne das ich mich zwingen müsste, während ich in der Stadt… na ja, lassen wir das. Ich fühle mich einfach wohler in der Natur. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich Agrarwissenschaften studiert und das gerade vor wenigen Tagen zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht habe. Ich bin fasziniert von den ökologischen Zusammenhängen im System der Natur und den Auswirkungen anthropologischer Eingriffe. Damit möchte ich mich auch in den nächsten Jahren gerne im Rahmen einer Doktor-Arbeit befassen. Und früher oder später werde ich meinen Wohnsitz in jedem Fall auf ein paar Kilometer außerhalb der Stadt verlegen.“

Murray: Du hast einen Track in dem es um einen mordenden Gärtner geht, erzählst zusammen mit Justus eine Wilder-Westen-Geschichte, hast mit Plantman Deinen eigenen „Superheld“… Wovon wirst Du zum Inhalt Deiner Geschichten inspiriert?
Meyah Don: „Das lässt sich kaum beantworten. Bei der Gärtner-Geschichte war ein Vorfall im Schöneberger Volkspark, bei dem ein Jogger morgens gegen sechs Uhr von einem Unbekannten niedergestochen wurde, der Inspirationsanstoß. Ich habe mir meine eigene kleine Geschichte um den Mord zusammengebastelt und die dann aufgeschrieben. Bei dem Track mit Justus war das Sample die Inspiration und der Rest ergab sich aus gemeinsamen Unterhaltungen während des Schreibens der Texte. Und der Plantman? Keine Ahnung mehr wann und wie mir die Figur eingefallen ist, aber diese Geschichte enthält unheimlich viel Zeugs aus meinem Studium. Zabrus tenebrioides ist zum Beispiel der lateinische Name des Getreidelaufkäfers, dessen Larven in Erdhöhlen leben, in die sie die Blätter der jungen Getreidepflanzen hineinziehen und fressen. Deshalb hat Professor Zabrus auch sein Labor in der Erde. In Berge, das in der Geschichte als Dorf in der Nähe des Labors bezeichnet wird, befindet sich eine Versuchsanlage unserer Fakultät, auf der ich selber auch Untersuchungen durchgeführt habe. Und so geht es immer weiter, das würde an dieser Stelle zu weit führen. Ich glaube alles was mich umgibt und womit ich mich gedanklich auseinandersetze schenkt mir hin und wieder eine Inspiration… und dann geht es los.“

Murray: Neben den Storytelling-Sachen hast Du aber auch persönliche Tracks wie „Mein Vater“ auf Deinem Album. Ich weiß nicht, wie viel von dem Song so passiert ist, aber es klingt schon sehr authentisch. Machst Du Dir Gedanken darüber, wie viel Du von Dir preisgibst oder ist das für Dich kein Thema?
Meyah Don: „Vielleicht mache ich mir darum wirklich zu wenige Gedanken. Aber speziell in diesem Fall sehe ich da keinerlei Probleme. Ich liebe meine Eltern, meine Schwester, meine Familie und warum sollte ich so etwas nicht auch in der Musik umsetzen. Ich kann nicht sehen, dass mich das irgendwie angreifbar werden lässt. Andere deutsche Rapper danken ja teilweise auch ihren Eltern oder ihren Müttern in den Rap-Texten. „Mein Vater“ ist zum 60. Geburtstag von meinem Vater entstanden und beschäftigt sich mit vielem, was ich und meine Schwester mit unserem Paps erlebt haben. Das ist natürlich alles authentisch. Ich kann aber auch behaupten, dass es mir ziemlich egal ist, was irgendwelche Leute über mich denken oder sagen. Ich scheiße auf diese Leute – ganz einfach!“

 Murray: Deine Features bestehen alle aus Leuten aus Deinem Umfeld. Gibt das auch Dein Interesse an deutschem Rap wieder? Beobachtest Du was außerhalb Deines Umkreises stattfindet?
Meyah Don: „Ich beobachte schon, was außerhalb meines Umkreises so im Rap-Geschehen abgeht, allerdings nicht sehr intensiv, weil mich deutscher Rap an sich nicht wirklich interessiert. Ein Grund, weshalb sich auf meinem Album hauptsächlich Künstler aus meinem Freundeskreis befinden, liegt darin, dass ich nach dem Feature-Gewitter „Über alles grün“ eher ein Solo-mäßiges Album präsentieren wollte, auf dem eben nur die Familie Platz fand. Natürlich auch deshalb, weil ich finde, dass diese Künstler zu den kreativsten Köpfen gehören, die ich kenne. Mir gefällt aber auch die Musik anderer deutscher Rapper. Das aktuelle Album „Donnerwetter!“ von Prinz Pi oder „Aus Liebe“ von Justus und Taktlo$$ sind gute Beispiele.“    

Murray: Du dankst in Deinem Gästebuch „den Hatern die, nicht wissentlich dafür sorgen, dass Öko-Rap wächst“. Welchen Einfluss hat das Dissen und die Aggressivität von anderen Rappern auf Dich?
Meyah Don: „Das hat im Grunde keinen Einfluss auf mich. Ich nehme gegenüber Aggressivität und selbst verherrlichender Oberfläche in der deutschen Rap-Musik eine Anti-Haltung ein. Wenn mich persönlich jemand namentlich hatet, lässt mich das kalt… jedenfalls solange es sich nicht um konstruktive Kritik handelt. Ich kriege da keine Tobsuchtsanfälle oder muss diverse Battle-Tracks schreiben. Im Gegenteil. Ich denke sogar, dass es eine Art kostenlose Promo ist. Denn auch Negativwerbung ist Werbung. Und sobald mein Name irgendwo auftaucht, werden immer wieder Leute darauf stoßen, die mich noch nicht kennen und sich dann vielleicht dafür interessieren was ich eigentlich so mache. Und wer weiß, eventuell gefällt ihnen was sie hören und sie werden sogar interessierte Anhänger unserer Musik. Das ist das gleiche Prinzip mit dem Begriff „Öko-Rapper“. Manche Rapper dieser Stadt definieren darunter etwas schlechtes, was im Grunde schon sehr abstrakt ist in einer Zeit, in der das ökologische Denken und Handeln gefördert werden muss und die ökologische Produktion von Lebensmitteln bzw. Handelswaren als Markenzeichen für Qualität steht. Ich sage: Ich bin der einzig wahre Öko-Rapper in Deutschland, von Stunde Null an! Da dieser Titel wie es sich auch aus diesem Interview ergibt vortrefflich zu mir passt, gebe ich den Leuten, die dieser ganze Gangster-Rap und der angepasste Shit vielleicht mittlerweile auf die Nerven geht noch zusätzlich den Hinweis, dass es hier Rap gibt, der 180° in die andere Richtung geht als das, was man sonst zu hören bekommt. Ansonsten habe ich das ja schon mehrfach gesagt: Ich scheiße auf diese Hater und ihre Kommentare. Ein Schulterzucken und ein müdes Lächeln – das ist meine Reaktion darauf.“

Murray: Kannst Du uns einen kleinen Ausblick geben woran Du als nächstes arbeitest?
Meyah Don: „Als nächstes werde ich hinter den Kulissen meine Aufgaben bei Edit Entertainment sorgfältiger durchführen, als es bisher wegen dem ganzen Diplom-Shit möglich war. Dabei geht es darum das neue Album von Zenit an den Start zu bringen, was voraussichtlich im November der Fall sein wird. Außerdem warten Wakka und Halbgott in den Startlöchern und werden dafür sorgen, dass einige Leuten richtig die Kinnlade runterklappt. Dann wird es einen Edit-Sampler geben, für den wir in den nächsten Tagen in ein Häuschen aufs Land fahren, um dort gemeinsam Tracks zu schreibe und aufzunehmen. Schließlich werde ich mich mit Gris und Estess darum kümmern die seit Jahren auf meinem HD-Rekorder gelagerten HFX-Tracks zu sortieren und diese dann mit ein paar neuen Tracks versehen zu einem HFX-Mixtape zusammenzustellen, auf dem unveröffentlichtes Material von 1998 bis 2006 zu hören sein wird. Das ist zumindest der Plan.“

Murray: Danke für das Interview! Möchtest Du als letztes noch etwas direkt an unsere User richten?
Meyah Don: „Kommt auf unsere Seite: edit-entertainment.com. Hier gibt es viel guten und kreativen Stuff. Ansonsten bleibt friedlich und nehmt Euren Müll mit, wenn ihr irgendwo in der Natur gechillt habt!“

Interview am 04.10.2006,
Murray Schell (Generation One)