Review | Kritik | Bewertung @ Generation One
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Artists - Interviews
Mittwoch, 11. Oktober 2006 um 10:33 Uhr
Sentino
(November 2006)

Nach zwei erfolgreichen Mixtapes released das Berliner Eigengewächs Sentino sein von der Szene heiß erwartetes Debütalbum über das Reutlinger Plattenlabel 5vor12 Records. Mit seinen 23 Jahren war er zuvor bereits bei zwei Major- und drei Independentlabels – zu einer Veröffentlichung kam es dennoch nicht. Umso stolzer ist Sentino deshalb auf sein Endprodukt und sagt zu Recht: „Ich bin deutscher HipHop“. In diesem Titel steckt seine ganze Geschichte und die ist es gewiss wert, gehört zu werden. Checkt also auf jeden Fall die Review und das entsprechende Interview!

Alex: Hallo Sentino. Schön, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast… Eigentlich muss man Dich nicht mehr wirklich vorstellen, denn viele sollten Dich kennen. Für alle anderen wäre es trotzdem hilfreich...
Sentino: „Mein Name ist Sentino, ich bin seit 23 Jahren Berliner und von meinen Wurzeln her Chilene und Pole. Ich bin einer der besten Rapper Deutschlands und habe ein Album aufgenommen, um das auch noch mal klarzustellen. Es heißt „Ich Bin Deutscher HipHop“ und steht seit dem 20. Oktober in den Läden.“

Alex: Wie hast Du zur Musik und speziell zur HipHop-Kultur gefunden? Du bist von Deinem persönlichen Umfeld durchaus auf die ein oder andere Weise kreativ beeinflusst worden, oder?
Sentino: „Das ist richtig. Ich habe einen Onkel, dessen Leben meinem sehr ähnelt. Der Mann hat auf der Überholspur gelebt, war aber gleichzeitig ein wahnsinnig talentierter Gitarrist und Sänger. Das Saufen hat ihn mit Mitte Dreißig getötet. Ich habe also in meinem Umfeld sowohl die Kreativität als auch den Exzess von frühester Jugend an mitbekommen. Meine eigene Bindung an Rap ist durch die Freestylesessions im Kurvenstar und in der Ufa Fabrik entstanden. Ich habe natürlich auch schon ganz früh Rap gehört, aber fast genauso schnell angefangen, selbst zu rappen. In Berliner Freestyle Cyphers hat man es früher entweder richtig gelernt oder man konnte gleich aufhören. Ich habe mich für Variante eins entschieden.“

Alex: Warum bist gerade Du „deutscher HipHop“? Erkläre uns doch bitte die Titelwahl Deines Debütalbums, das am 20.10. über 5vor12 Records released werden soll.
Sentino: „In den letzten Jahren war es ja eigentlich wahnsinnig uncool, HipHop zu sein: Die vier Elemente, Triple Reime, HipHop Klamotten, das war ja eher abgemeldet. Rap ist zwar so erfolgreich wie selten davor, aber eben nicht im Kontext der ganzen HipHop Kultur. In Berlin sind jetzt auch seit geraumer Zeit Platten veröffentlicht worden, auf denen einfach schlecht gerappt wird. Mir ging es darum, auch mal wieder darauf hinzuweisen, dass es keine Schande ist, geil zu rappen, dass es keine Schande ist, sich zu HipHop als Lebensstil zu bekennen und das es insbesondere auch in Deutschland gute HipHop Musik gibt. Ich habe das alles schon in meiner Vergangenheit gesehen: Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Berlin. Und ich bin der Schmelztiegel dieser Kultur. Ich Bin Deutscher HipHop!“

 Alex: Bei Deinen bisherigen beiden Mixtapes sollst Du laut Eigenaussage „immer nur ungefähr 15 Minuten“ in einen Text investiert haben. Wie sah im Gegensatz dazu die Arbeit am Album aus?
Sentino: „Ganz unterschiedlich. „Berlin, Berlin“ ist auch so ein schneller Text, der muss auch so roh und rotzig klingen und wenn ich an dem Track noch länger geschrieben hätte, dann wäre die Stimmung auch weg gewesen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass ich gerade bei den Themen, die ich aufgegriffen habe, mehr Zeit zum Schreiben genutzt habe. Ein Mixtape soll diesen Strassenflavor haben, aber ein Album soll mich so zeigen, wie ich in Höchstform, in meinen besten Momenten bin. So bin ich zumindest an die Platte rangegangen.“

Alex: Was können Deine Fanbase und die Heads da draußen von „Ich bin deutscher HipHop“ erwarten? Was macht es so besonders, dass Du es als die „wichtigste Platte, die [Du] im Leben überhaupt machen konntest“ umschreibst?
Sentino: „Das habe ich der JUICE gesagt, als es um die persönlichen Titel der Platte ging. Und das macht die Platte ja auch so wichtig. Ich habe gelernt, sehr offen über mich selbst zu sprechen und dabei nicht nur die glänzenden Seiten nach außen zu tragen. Das ist ein Prozess, der erst in den letzten zwei Jahren begonnen hat und diesen Prozess habe ich jetzt auch in der LP dokumentiert. Es hatte sich in meinem Leben soviel Scheiße angesammelt, dass es höchste Zeit wurde, ordentlich aufzuräumen. Jetzt bin ich mit mir im Reinen. Mal sehen, ob das so bleibt.“

Alex: Das Album soll mehr von Deiner persönlichen – der „nachdenklichen, glücklichen und melancholischen“ – Seite zeigen. Empfindest Du gerade das als notwendig für einen richtigen Longplayer mit rotem Faden und ausgeklügeltem Konzept?
Sentino: „Nein, nicht zwangsläufig. Ein Album kann jedes mögliche Konzept haben: Deine Gegend, eine bestimmte Frau, Strassengeschichten. Aber in jedem Künstler steckt zu einem gewissen Zeitpunkt eine Art von Album. Und das hier war mein erstes Album, das ich so machen musste. Ich nehme da einen ganz großen Namen in den Mund und damit muss man auch vorsichtig sein, aber so, wie dieses Album jetzt aussieht, kann man es durchaus mit Nas’ „Illmatic“ vergleichen. Ja, es ist harter Rap in harter Sprache. Aber es zeigt eben auch die Persönlichkeit hinter dieser Front. Das hat mich bei Nas schon immer beeindruckt und ich wollte etwas Ähnliches auf Deutsch schaffen.“

Alex: Dein Lebenswandel soll sich aufgrund gewisser Ereignisse in Deinem Leben geändert haben. Bekommt man das auch auf dem Album zu hören bzw. verarbeitest Du diesen „Wandel“ auch textlich?
Sentino: „Der Tod meines Onkels und die Reaktion meines Vaters, der mich nicht zu Unrecht auf der selben Straße sah, hat viel bei mir los getreten. Ich bin ein Meister der Selbstzerstörung. Aber ich brauche den Exzess, den Fall nach unten auch immer wieder, ich werde da magisch hingezogen. Eigentlich steckt das in fast jeder Zeile des Albums: Der Kampf mit mir selbst.“

 Alex: Sehr interessant finde ich die Entstehung des Albums. Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann hast Du teilweise Texte aus den Zeiten, als Du weniger auf krasse Reimtechniken fixiert warst, noch mal überarbeitet… Konntest Du damit tatsächlich den Fokus auf den Inhalt gewährleisten? Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?
Sentino: „Es ist teilweise nicht mehr ganz einfach zu rekonstruieren, aus welchen Zeiten die Texte stammen, die ich fürs Album verwendet habe. Sicherlich habe ich neunzig Prozent erst in der direkten Entstehungsphase geschrieben, aber es gab eben auch noch Ideen, Konzepte und einzelne Zeilen aus den letzten acht Jahren, die da mit eingeflossen sind. Diese Patchwork Arbeit ist gut: Indem Du eine alte Idee wieder aufgreifst, kannst Du Dich in die damalige Situation auch wieder reinversetzen, die Themen aber trotzdem aus der heutigen Perspektive sehen, etwas gereifter, erwachsener.“

Alex: Welche Erwartungen setzt Du in das Release des Albums gemessen am bisherigen Erfolg Deiner beiden Mixtapes? Die Rede ist von mindestens 25.000 verkauften Einheiten…
Sentino: „Dazu stehe ich. Das ist ja schon die dritte Frage, der das JUICE Interview zugrunde liegt. Da stehen die Antworten doch alle drin."

Alex: Ich denke mal, dass einige der mitwirkenden Produzenten etwas irritiert sein werden, wenn Du sie in der backspin mit „Selbstverliebten Pennern“ vergleichst… Bist Du da etwas übers Ziel hinausgeschossen oder ist Deine Einstellung immer noch pro gratis Beats von unbekannten, hungrigen Leuten? Ist diesbezüglich ein spezielles Projekt geplant?
Sentino: „Also zu allererst einmal, meine ich sicher nicht die Produzenten mit denen ich zusammenarbeite, sonst würde ich dies ja nicht tun. Und „Selbstverliebte Penner“ ist gar nicht so böse gemeint, wie es manchmal klingt. Produzenten haben eben auch Künstler Egos, die wollen ihre Synthie Linien noch ein bisschen modulieren während es mir wichtig ist, genügend Platz für die Lyrics zu haben. Da rasselt man zwangsläufig manchmal aneinander. Aber die Möglichkeit, mit jungen Producern zu arbeiten zeigt Dir manchmal ganz andere Herangehensweisen. Die schrauben ihre Beats eben nicht immer gleich, weil sie das seit zehn Jahren schon so machen. Beides ist wichtig: Hunger und Erfahrung.“

Alex: Auf der EP-Single „Ich bin deutscher HipHop“ sind im Part II des Songs Rap-Kollegen Olli Banjo und Megaloh zu hören. Mit wem aus der Szene hast Du sonst noch so für Dein Album zusammengearbeitet?
Sentino: „Auf dem Album sind wieder Megaloh und zusätzlich noch Azad und Manuellsen vertreten. Mega und Manuel sind dabei so etwas wie Repräsentanten meiner Generation, die aus der gleichen Schule kommen wie ich und den gleichen Weg gehen. Azad ist eher so etwas wie ein Pate, der ganz besondere Fans hat, aus einem ganz besonderen Umfeld kommt. Seine Präsenz auf meiner Platte ist ein wenig wie ein Ritterschlag für mich.“

 Alex: Ich will gar nicht so sehr auf das Thema Beef, Diss oder Respekt eingehen, denn das Themenfeld haben meine Kollegen von der JUICE und der backspin schon zu Genüge abgeackert… Aber was man aus allen Deinen Statements dort herausfiltern konnte, ist Dein großer Wunsch nach Anerkennung, die Du ebenso den anderen Rappern zollst. Warum ist Dir gerade das so wichtig?
Sentino: „Weil ich die Anerkennung nie bekommen habe. Bis heute haben es die meisten Leute immer geschafft, sich hinter irgendwelchen Beef Geschichten zu verstecken, um mich nicht respektieren zu müssen. Oder sie haben einzelne Tracks zum Anlass genommen, um mich als Biter abzustempeln, als Lügner, als was auch immer. Jetzt stehe ich mit offenen Händen vor ihnen, habe eine sehr eigenständige Platte gemacht und mit den meisten Leuten in meinem Umfeld klar Schiff gemacht. Jetzt will ich den Respekt.“

Alex: Würde es denn nicht ausreichen, seine Bestätigung durch das positive Feedback der Fans zu bekommen?
Sentino: „Das ist sogar noch wichtiger. Aber diesen Rückhalt habe ich glücklicherweise schon. Man strebt nach dem, was man nicht hat. Aber ohne die Fans in meinem Rücken wären viele Phasen in den letzten Jahren viel schwieriger zu durchleben gewesen. Diese Menschen geben mir Kraft.“

Alex: Auch wenn Dir diese Frage häufig gestellt wird, aber bei so vielen Rückschlägen in einer doch recht jungen Musikerkarriere möchte ich diesen Punkt unseren Lesern nicht vorenthalten: Was würdest Du als die schlimmsten Momente als Rapper, vielleicht sogar menschlich betrachtet, bezeichnen?
Sentino: „Es gibt so viele Tiefschläge, die man als Mensch und Rapper hinnehmen muss, dass es Wahnsinn wäre, sich immer wieder an einzelne Ereignisse zurückzuerinnern. Ich habe die ganze Scheiße gesehen: Halb ohnmächtig und ohne jede Kohle in fremden Städten auf der Straße zu stehen, Trennungen von Frauen, die ich noch heute bereue, geplatzte Deals, geplatzte Träume. Aber ich stehe noch. Mein Album ist draußen. Die Tiefschläge kann ich jetzt besser verarbeiten, weil ich weiß, dass es unweigerlich weiter geht. Und nur das ist mir wichtig.“

Alex: Um die Höhen und Tiefen von Sentino komplett darzustellen, bedarf es dem Vergleich. Wenn Du nun alles bisher Geschehene zurückblickst, was waren die erfolgreichsten Momente?
Sentino: „Der erfolgreichste Moment meines Lebens ist der zwanzigste Oktober 2006. Nach über sieben Jahren im HipHop Geschäft habe ich es geschafft, ein Solo Album zu veröffentlichen. Ein Album, für das sich die Medien und die Fans interessieren. Der erfolgreichste Moment meines Lebens ist jetzt.“

Interview am 11.10.2006,
Alexander Riede (Generation One)