Ein Frontmann auf späten Solopfaden.

Review | Kritik | Bewertung Rea Garvey - Can't Stand The Silence (2011)
Bewertung: 3,5 von 6 Label: Island (Universal) www.reagarvey.com
Es kommt die Zeit im Leben eines Sängers und Songwriters, in der er aus dem Schatten seiner mehr oder minder populären Band heraustreten und zumindest sein eigenes Projekt großziehen muss – mit anderem Stil, anderem Sound und unter dem eigenen bürgerlichen Namen. So oder so ähnlich muss es wohl im großen Buch der Popmusik stehen, und so versucht sich auch Rea Garvey mit seinem ersten Soloalbum Can't Stand The Silence daran, seine eigene künstlerische Vision zu verwirklichen und nach elf Jahren Reamonn neue Pfade zu beschreiten.
Ein erster Durchlauf des Albums hinterlässt einen manierlichen Eindruck. Gefällige Melodien vermischen sich mit abwechslungsreicher Produktion und knackigen Refrains zu einem soliden Gesamtpaket. Der Opener Take Your Best Shot führt mit seiner sparsamen akustischen Instrumentierung stilistisch erst einmal in die Irre, denn die erzeugte Desperado-Stimmung wird im weiteren Verlauf der Songs unmittelbar gebrochen und nicht wieder aufgegriffen. Mit der ersten Singleauskopplung Can't Stand The Silence geht es erst einmal mit einer synthielastigen Halbballade weiter, die in den ersten Minuten angenehme (und vor allem unerwartete) Assoziationen zum Wolfsheim und Konsorten weckt, ab dem ersten Refrain aber recht schnell in Poprock-Standardkost abdriftet.
Die beiden folgenden rockig-flotten Songs Sorry Days und Colour In Me plätschern wenig originell, dafür eingängig vor sich hin, um in den etwas zähen, balladesken Teil des Albums überzugehen, der sich teilweise hart an der Grenze zum Kitsch bewegt. Lobend hervorzuheben ist dabei noch How I Used To Be, das statt auf einsame Klavierakkorde in finsterer Nacht auf wuchtige, treibende Gitarrenarbeit setzt. Ist mit My Child der letzte Klimperton verklungen, wird das Tempo in Save A Life, in dem sich Synthesizer und Wah-Wahs erfreulich effektiv verbinden, kurz vor Ende noch einmal angezogen, um mit End Of The Show das Album in einer waschechten Uptempo-Rocknummer zu beschließen (stilecht mit zwei Minuten Rückkopplung).
Wer sich von Can't Stand The Silence also ein handwerklich profundes Stück Popmusik erwartet, das gängige musikalische wie textliche Standards erfüllt, ohne sich völlig ideenlos hinter ihnen zu verkriechen, der wird von Rea Garveys Debütalbum sicherlich nicht enttäuscht sein. Betrachtet man allerdings die künstlerische Herkunft dieses Projekts, stellt sich unweigerlich die Frage, ob auf diesem Cover nicht einfach der Name Reamonn stehen hätte können – schließlich bietet das Soloprojekt ihres Sängers Rea Garvey letztlich denselben leichtfüßigen, radiotauglichen und niemandem wehtuenden Poprock wie die letzten fünf Alben der Band.
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Andreas Ljubisic ist der Meinung... Ist es ein gutes Zeichen, wenn der Opener eines Albums jener Track ist, der als einziger wirklich im Gedächtnis bleibt? Dies kann durchaus als Kompliment an Take Your Best Shot genommen werden, doch tatsächlich fehlt es den meisten Songs an Kontur und distinktiven Merkmalen, um sich nicht im Gemenge luftiger Chartmusik zu verlieren. Doch selbst mit persönlichen Dünkeln gegen mit Radiosendern liebäugelnden Softrock kann man Rea Garveys Solodebüt eine durchgehend hohe handwerkliche Qualität nicht absprechen, und wären die fünf Balladen in der Albenmitte ein wenig weiter verstreut, gäbe es an Can't Stand The Silence nicht übermäßig viel auszusetzen. Kein Glanzstück, kein Meilensten, aber in jedem Fall einen Lauscher wert.
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