Einer, der sich nicht so leicht bezwingen lässt.

Review | Kritik | Bewertung Fard - Invictus (2011)
Bewertung: 4 von 6 Label: Ruhrpott Illegal (Groove Attack) www.fardruhrpott.de
Deutschrap – ein Genre, dessen leider immer weniger geistreicher Inhalt sich in den letzten Monaten, beinahe schon Jahren immer mehr meinem (sub)kulturellen Verständnis und gewiss auch Interesse entzogen hatte... Einzig die ein oder andere facebook Statusmeldung verhinderte den Umstand, dass eventuell aktuelle Geschehnisse der HipHop Szenerie hierzulande erfolgreich ignoriert werden konnten. Nun gut, die Hoffnung stirbt zuletzt, dass sich einige etablierte Acts in lyrischer Hinsicht vielleicht auch ihrem fortschreitenden Alter entsprechend weiterentwickeln oder auch nur ansatzweise darüber nachdenken, ihre neue Zielgruppe gegebenenfalls jenseits des pre-, ist- oder postpubertären Zwangsvulgarismus zu suchen.
Ein gewisser Herr Nazarinejad, Künstlername Fard, seines Zeichens vermutlich mit ähnlichen Verdiensten für vorbildhafte Integrationsarbeit, die zuletzt einer umstrittenen Persönlichkeit wie Bushido zu einer Bambi Auszeichnung verhalf, präsentiert seiner Hörerschaft auf seinem neuen Studioalbum Invictus zwar genau jene Klischees, die man von einem deutschsprachigen Rapper mit Migrationshintergrund erwarten kann, schaut aber – und das ist überaus lobend anzuerkennen – manchmal auch über den eigenen Tellerrand hinaus, ohne dabei an Authentizität einbüßen zu müssen. „Vergiss die alten Märchen, schreiben das Ende neu / vergessen wer wir waren, doch sind uns selber treu [...] Klettern auf das Dach der Welt für einen Freudentanz / und das Glück in unserem Herzen macht dem Teufel Angst / keiner ist perfekt, wer ist schon ohne Fehler / ich trinke auf Vergebung, trinke aus großen Gläsern.“ Gesucht werden neue Helden und Fard schickt sich an, einer von ihnen zu werden.
Für den überdurchschnittlich guten Representer F. Nazizi zimmerten Hookbeats & Christalbeats das richtige Klanggerüst und zusammen mit seinem Partner in crime Snaga poltert der Ruhrpottrapper nicht nur auf dem folgenden Track Talion 45 ordentlich gegen Politik und soziale Ungerechtigkeiten, gleichwohl einer leicht eindimensionalen Betrachtungsweise. Das gemeine (Rap)Volk wird es schon verstehen... Wer die vergangenen Releases als Maßstab nimmt, muss vielleicht sogar etwas enttäuscht feststellen, dass Fard die bemerkenswerte Punchline-Dichte von einst nicht mehr halten kann oder gar möchte. Die Message seiner Texte scheinen ihm mittlerweile wichtiger zu sein, was absolut in Ordnung ist. Fard erzählt eben Seine Geschichte und an einigen Punkten wirkt er so auch wie ein sympathischer Underdog, dem man für die Zukunft nur das Beste wünscht. „Dieser Junge wollte Geld verdienen / und eines Tages aus seiner grauen Welt entfliehen / wenn Du siehst, dass jeder einen Benz fährt / denkst Du vielleicht, Du bist nichts ohne einen Benz wert.“ Wenn ich nur eine große Stärke an Fard's neuem Werk Invictus nennen müsste, dann wäre dies das zwar in deprimierende Tristesse eingehüllte, aber ausdrucksstark bildhafte Storytelling, wie beispielsweise auf dem Song Einsam.
Dass Geld bekanntlich die Welt regiert, ist eigentlich nichts Neues, aber Fard resümiert korrelierende Machtverschiebungen folgerichtig mit Dann bist Du Häuptling. „Man sagt, jeder ist seines Glückes Schmied / doch wer weiß, vielleicht habe ich ja gar kein Glück verdient / sie fragen mich, warum ich keine Liebeslieder mach' / schau mir in die Augen, siehst Du diesen Hass?“ Mit Reich & schön schlägt Fard dann tatsächlich so etwas wie sanfte Töne an, quasi als krasses Kontrastprogramm zum sonstigen verbalen Muskelspiel egoistischer Eitelkeiten (Falsches Spiel). Käufer der Premium Edition von Invictus dürfen sich als Bonus noch über weitere kompromisslose Battleraps wie die 60 Terrorbars Las Vegas freuen: „Ich scheiß auf Deine Freunde und jage sie durchs Land / ich brauche kein Pokerspiel, ich hab die Straße in der Hand.“ Also besser aufgepasst...
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Alexander Riede ist der Meinung... „Mit circa 16 war der Knast meine größte Furcht / doch als ich 18 wurde, kam in mir das Böse durch [...] als ich noch jünger war, habe ich an mein Recht geglaubt / Heute glaube ich nur noch am Gott und meine rechte Faust.“ Auch wenn so manche Lyrics auf Invictus nicht nur ihrer Klischeehaftigkeit wegen wieder einmal hart an der Grenze des guten Geschmacks ausfallen, kann man den Ruhrpott Rüpel Fard zu einem durchaus gelungenen Albumrelease gratulieren. Bei meinem rotznasigen Nachbarsjungen mit lachhafter Gangster-Attitüte pumpt das gute Stück sowieso schon aus den Lautsprecherboxen seines VW Golf Fahranfängerboliden. Sie haben ihre Zielgruppe erreicht.
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