Ein höchst ambivalentes Album enttäuscht gerade diejenigen, die Metallica erwarten.

Review | Kritik | Bewertung Lou Reed & Metallica - LuLu (2011)
Bewertung: 1,5 von 6 Studio: Mercury (Universal) www.metallica.de
Um LuLu mit der blutigen Schrift zu verstehen, ist es nicht schlecht, zunächst etwas über dessen Entstehung zu wissen, denn es ist die Weiterführung eines gemeinsamen Auftritts von Lou Reed mit Metallica im Jahre 2009, als Metallica in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Lou Reed ist ein vorwiegend in den USA bekannter Rock-Rebell, der vor allem durch seine Anti-Haltung und düsteren Stimmungen gegen die Mainstreamkultur und Kommerzialisierung einige Bekanntheit erlangte. Metallica sind dagegen jene Hardrocker, die in den 80ern zusammenkamen und dem Genre einen neuen, harten und unbändigen Sound verliehen. Ihre Stücke waren geprägt von der kompromisslosen Wut und Gewalt ihrer Gitarren und ihres Sängers James Hetfield.
Sowohl Lou Reed als auch Metallica haben sich im letzten Jahrzehnt jedoch stark verändert, was man auch schön in der Dokumentation Some Kind Of Monster (2004) sehen kann – die wütenden Männer von einst wurden vom Leben eingeholt: sie gründeten Familien und gingen in Therapie. In vielerlei Hinsicht scheint LuLu ein letztes Aufbäumen gegen diese Entwicklung zu sein. Das Album ist in seiner Melodie dunkel gehalten, gewöhnungsbedürftig, häufig sanft und unerwartet durchzogen von Reeds düsteren Texten. Es überrascht daher nicht sonderlich, dass LuLu angelehnt ist an eine deutsche Tragödie von Frank Wedekind. Das erste Stück heißt dann auch noch Brandenburg Gate und ist im Gegenteil zum Rest des Albums ein melodischer Mix mit einem ungewöhnlich catchigen Refrain Smalltown Girl, ins Mikro gejauchzt von James Hetfield. Es hat streckenweise den Anschein, als würden beide Seiten versuchen, sich doch um ein Medley zu bemühen, so dass die Musik etwas gitarrenlastiger wird und der Text besser in die Melodie eingepasst ist.
Ein gutes Beispiel dafür ist Pumping Blood. Es ist ein Hybrid zwischen Lou Reeds Textlastigkeit und Metallicas Zusammenspiel zwischen emotionaler Energie und harten Tönen entstanden. Jedoch nur streckenweise, denn der Gesang wirkt für den Sound einfach nur ungeeignet. So legt Mistress Dread noch ein flottes Tempo vor und wird doch wieder herausgerissen von Reeds schwermütigem Gesang und psychedelischen Anklängen – Metallica nimmt sich musikalisch und kreativ vollkommen zurück. Ich wage zu behaupten, dass Iced Honey das beste Lied der ersten CD ist. Lou Reed gibt sich Mühe nicht nur zu sprechen, sondern nimmt etwas konventionell einen melodischen Gesang an und wird durch die soften Riffs getragen, unterlegt vom Refrain Hetfields, der die Backvocals sanft ins Mikro haucht. Was einem auch auffällt, ist die ungewöhnliche Länge der meisten Songs: Hat man sich durch die erste CD durchgehört, erscheint einem Cheat On Me als das epische Werk des Albums mit seinen 11 ½ Minuten Spielzeit. Doch auf der zweiten CD ist kein Lied unter 8 Minuten lang und der Epilog Junior Dad kratzt mit seinen mehr als 19 Minuten gewaltig am Geduldsfaden.
Insgesamt ist LuLu wie eine Mischung aus Tragödie und dunkler Ballade: Sie fängt in einem sehr gelassenen Ton an, wird zunehmend dunkler und wenn vorher nur der leichte Anklang psychedelisch-depressiver Melodie zu erahnen war, wird es später zur Gewissheit. Die Platte ist etwas für Erwachsene in der zweiten Midlife Crisis: Thema ist der Zerfall des Lebenssinns durch Betrug. Eigentlich eine ehrliche und deswegen gute Umsetzung dieser dunklen Gefühle: Depression, Ablehnung, Betrug und Frustration. Die dunklen Gefühle finden sich sogar in den Titeln wieder. Doch wo kommt der logische Höhepunkt des ausgelebten Zorns, der unbändigen Wut, für die Metallica bekannt und beliebt sind? Oder wurden sie erfolgreich therapiert?! Lou Reeds Gesang kanalisiert den Schmerz und den Hass in eine höchst neutrale, therapierte, kastrierte Form – nur um 2 Sekunden später abgelöst zu werden durch harte Riffs. Metallica sind auf diesem Werk ein Schatten ihrer selbst. In ihrer Melodie schwingt Indigo Girl mit und zeigt, wie die einstigen Metal-Kings zu Schmuserockern mutiert sind.
Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung
Firat Ceylan ist der Meinung... Das neue Album von Metallica, genauer gesagt das von Lou Reed mit Metallica zu mögen ist nicht einfach. Wenn man LuLu hört, könnte man meinen, Frustration führt in die Kastration… Die Wut ist da, doch der Wille zur Gewalt ist verschwunden. Auch ein letztes Aufbäumen gegen Ende des Albums kann nicht kaschieren, was der Mix nicht ganz zu leisten vermag: Eine sehr ambivalente Mischung stimmlicher und instrumenteller Gewalt, welche beides nicht zu erreichen vermochte. Weil LuLu mehr ein musikalisches Kunstwerk ist, denn ein gut zu hörendes Album, bekommt es von mir nur eine mäßige Bewertung.
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