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Montag, 23. Januar 2012 um 18:37 Uhr

Französischer Charme, mal etwas anderes.
cd-melissmell

Review | Kritik | Bewertung
Melissmell - Ecoute s'il pleut (2011)

MelissmellBewertung: 4 von 6
Label: Discograph
www.myspace.com/melissmell

Über die tatsächliche Herkunft ihres Künstlernamens scheiden sich die Geister oder besser gesagt spekulieren die Journalisten mit wilden Vermutungen. Die französische Sängerin Mélanie Coulet taufte sich selbst Melissmell, was sich aus der geruchsintensiven Pflanzengattung der Melissen (die sie wohl an ihre Großmutter erinnern mag) und dem bestens bekannten Songtitel Smells Like Teen Spirit der legendären Grunge-Band Nirvana zusammensetzen soll. Was man dabei nun konkret von der musikalischen Richtung der jungen Künstlerin erwarten kann ist dennoch relativ ungewiss, auch wenn das Artwork ihres aktuellen Albums Ecoute s'il pleut ein bisschen etwas von verträumter Rebellion sozialkritischer Querdenker vermittelt.

Wer wie meine Wenigkeit lediglich auf ein paar Jahre schulische Lernerfahrungen mit der romantischen Fremdsprache zurückgreifen kann, wird sich gewiss damit abfinden müssen, nicht jedes Wort der gehaltvollen Textpassagen zu verstehen. Melissmell schafft es jedoch mit ansatzlos eindringlicher Stimmlage beim Hörer ein gewisses Gefühl emphatischer Zustimmung zu implementieren, was an sich für große Kunstfertigkeit spricht. Obwohl vieles von dem, was auf Ecoute s'il pleut präsentiert wird, mit traditionsreichen Cnansonelementen versehen ist, lockern rockige Gitarrenklänge ein wohl sonst biederes Bild „melancholischer Poesie auf den Spuren großer Dichter und Denker der französischen Tradition“ bewusst auf.

act-melissmellVon der energischen Stimmgewalt mit rauchigem Timbre her erinnert einen Melissmell gleich beim ersten Titel Aux armes ein wenig an eine gewisse Gianna Nannini, auch wenn man die beiden Landessprachen nur bedingt miteinander vergleichen kann und jede noch so schmutzig niederträchtige oder gar böse Aussage auf Französisch bekanntermaßen einem unbedarften Zuhörer wie charmant zärtliche Engelsstimmen vorkommen mögen. Da klingen sogar wüste Beleidigungen und anklagende Worte noch nach einer liebevollen Einladung zum Sonntagsbrunch. Während bei Songs wie Je me souviens klassische Elemente ein gewisses Gleichgewicht zum ambitionierten Gesang bilden, wird zwischendurch die schwungvolle Rockgitarre ausgepackt und stilistisch das Tempo ordentlich angezogen (Sobre la muerte). Das könnte glatt den Klang so manch vertrauter Spieluhren verstimmen lassen und Melissmell, die – wie man an vielen Stellen herausfiltern kann – nicht unbedingt eine behütete und sorgenfrei Kindheit vorzuweisen hat, verarbeitet offensichtlich so manchen Schmerz in ihren Songtexten, übt darüber hinaus allerhand Sozialkritik aus und besingt unter anderem auch politische Missstände in ihrer Heimat (Les enfants de la crise).

Wer nun beispielsweise bei Des nouvelles par les ondes allzu sehr in leichtgläubige Träumereien verfällt, bekommt zum Ausgleich mit Le silence de l'agneau was auf die Ohren und mit Sens ma fatigue ordentlich den Kopf gewaschen. Spätestens hier wünschte ich mir, damals im Schulunterricht besser aufgepasst zu haben, damit man mehr von der eigentlichen Dramatik der Textinhalte verstehen und richtig einordnen könnte, aber auch so ist Ecoute s'il pleut eine dankbare Horizonterweiterung für Aufgeschlossene.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Als musikalische Alltagsbegleitung fast ein wenig zu schade... Was die von Melancholie, bittersüßer Neoromantik und Sozialkritik geprägte Französin mit dem ausgefallenen Künstlernamen Melissmell auf ihrem Album Ecoute s'il pleut zum Besten gibt, ist eigentlich mehr als bloße Randunterhaltung. Eine gewisse Nische bedient sie mit ihrer Musik in jedem Fall und in Deutschland wird man nicht zwangsläufig ihre Songs im Radio vernehmen, aber eine Hörprobe ist sie alle Mal wert.

 
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